Go the Fuck to Sleep

Buchempfehlung für alle Eltern mit kleinen Kindern oder solchen, die sich noch daran erinnern können, wie es war.

Na, so isset individuella…

Chinesisch für Kellnerin

In einem Kreuzberger Biergarten bedient um die Mittagszeit eine attraktive und freundliche Enddreißigerin. Auf ihrem Nacken ist auf dem zarten Abschnitt zwischen Pferdeschwanz und schwarzem T-Shirt eine Tätowierung aus großen Schriftzeichen zu sehen, die auf der Wirbelsäule nach unten führen. Die Zeichen sehen aus, als seien sie etwas angeschwollen.

Ein Kollege, der grundsätzlich gern mit Frauen spricht, fragt die Kellnerin nach der Bedeutung der Tätowierung. “So heißt  meene Tochta. Uff Schinesisch.” Und warum sich die Zeichen so abhöben? “Der Typ hatte vorher nur an jefrorenen Hühnchen jeübt. Ick war die erste Braut. Deswejen isset nicht janz eben jeworden. Na, so isset individuella.”

Wer wollte ihr widersprechen?

 

Puppenspielerinnen auf Las Ramblas

Las Ramblas ist die berühmteste Straße Barcelonas, und es ist die touristischste Straße der Stadt: ursprünglich mal ein Flussbett, heute eine Platanenallee von einem Kilometer Länge, die zum Meer führt, gesäumt von Zeitschriftenläden, Blumenständen, Kleintierhändlern, Restaurants, Straßenkünstlern und Touristenmassen, die nun statt des Wassers zum Meer strömen. Insgesamt eigentlich nicht sehr attraktiv, aber in unserem Reiseführer hieß es, es sei immer ein Schauspiel, also gingen wir hin. Okay, hier waren die Zeitschriften, da die  Blumen, dort die Tiere, danach die Straßenkünstler und überall Restaurants und Touristen.

Aber am Ende, wo sich die Kolumbussäule hoch in den Himmel erhebt, gab es doch noch ein kleines Schauspiel. Eine Gruppe von Mädchen bewegte sich gemächlich Richtung Säule, eine davon hielt lässig eine aufblasbare Puppe unter dem Arm (siehe Bild). Carla fragte gleich danach, was die großen Mädchen mit dieser Puppe denn vorhätten. Ich sagte “Spielen” und war froh, dass die Antwort genügte.

P.S. an mich selbst: Ablage in der Materialsammlung zu Fellinis “Stadt der Frauen”

 

Doggy Barcelona 08028

2003 hatte Carla zu ihrer Geburt ein Kuscheltier bekommen, ein Hündchen, das während der Amerikajahre auf den einfachen Namen “Doggy” getauft wurde. Ohne Doggy kann Carla bis heute nicht einschlafen, und ohne Doggy geht sie nicht auf die Reise. Für mich war Doggy immer männlich. Das lag auch daran, dass immer davon die Rede war, dass “der Doggy nicht zu finden” war oder es “dem Doggy nicht gut ging”. Daher war ich etwas irritiert, als Carla vor etwa einem Jahr damit anfing, Doggy Kleider anzuziehen. Sie behauptet, Doggy sei ein Mädchen, für mich ist er eine Drag Queen. Wie auch immer. In Doggys Kleidern spiegelt sich, was Carla gerade macht oder erfährt. Wenn Carla ins Bett geht, trägt Doggy z.B. ein Nachthemd.

Nun waren wir ein paar Tage in Barcelona, und Carla hat dort eine kleine Bilderserie mit Doggy angefertigt, in der sich Eindrücke von unserem Aufenthalt widerspiegeln. Mein Lieblingbild aus der Sequenz zeigt Doggy auf dem Boden sitzend, mit verschämtem Blick, denn er hat den Badeanzug schon aus-, aber das Kleid noch nicht angezogen.

Krisenbrötchen

In Neuss versteht man es Brötchen zu backen. Nicht zu hell und nicht zu dunkel. Die Hülle knusprig, aber nicht so hart, dass Verletzungsgefahr bestünde. Innen so fleischig, dass genau die richtige Mischung von Widerstand und Nachgiebigkeit zu spüren ist, wenn man die Zähne darin versenkt. Und es gibt so viele Bäckereien, dass auch an trüben Wintermorgen keine zu weit entfernt ist. Das habe ich genossen, seitdem wir hier wohnen. So weit, so gut. Dann kam die Krise.

krisenbrotchenDie Qualität der Brötchen hat zwar seither nicht nachgelassen, und auch die Preise sind angesichts des scharfen Wettbewerbs stabil geblieben. Aber unser Hausbäcker betreibt seither eine konsequente Verkleinerungsstrategie. Heute morgen hat diese Entwicklung einen Punkt erreicht, den ich hier zu Protokoll geben muss (siehe Bild). Der Diminutiv von Brot reicht nicht mehr aus, um dieses Mahnmal der Rezession zu beschreiben. Das ist kein Brötchen, bestenfalls ein Brötelchen.  Da ich kurzsichtig bin, kann ich es zwar noch sehen, aber die gesamte Choreografie des Schmierens kommt durcheinander, wenn die Maßstäbe einfach nicht mehr stimmen. In der Sprache des Modelleisenbahners ist das etwa so, also würde ein HO-Männchen versuchen, ein Spur N-Brötchen zu bestreichen. Wenn du das Brötchen festhälst, reichen deine Finger auf der Rückseite weiter nach unten als sonst. Gleichzeitig durchstößt du den Laib mit dem Messer auf der Vorderseite mit dem gleichen Vortrieb, wie du es gewohnt bist und schneidest dir so in die unvorbereiteten Finger auf der Rückseite. Ist es dann erstmal beschmiert, fällt es dir dauernd aus der Hand, weil deine Feinmotorik am Morgen noch gar nicht ausreicht, um so kleine Flächen zielgenau zu bestreichen. Also ist die Butter auch auf deinen Fingern und dann auf der Zeitung. Ich denke, ich werde diesem Bäcker einen Vorschlag zur Diversifizierung seines Geschäftsmodells machen: soll er doch neben seinem Laden ein Pinzettengeschäft eröffnen, damit die Kunden die Hilfe bekommen, die sie beim Verzehr seiner Krisenbrötchen demnächst brauchen werden.

Brüssel

Brüssel liegt tatsächlich nur zwei Autostunden von Düsseldorf entfernt, und letztes Wochenende haben wir dort einen längst überfälligen Besuch bei Freunden gemacht. Neben den vielen großen Dingen, die Brüssel besuchenswert machen, gab es auch ein paar kleine Dinge, die unbedingt hierher gehören (siehe auch Bilder unten):

  • die 50er-Jahre-Treppe im Atomium,
  • ein Spazierstockfachgeschäft,
  • Schokolade, die wie Juwelen dargeboten wird, und auch ungefähr so viel kostet,
  • eine Klingelnase, wie sie hier öfter an Jugendstilhäusern zu finden ist,
  • ein Toilettenwegweiser, der gegenüber von Schaufenstern liegt, in denen sich kaum bekleidete Damen feilbieten,
  • das Schild im Fenster eines Brüsselers, der sich zu dem im Allgemeinen wirklich inakzeptablen Wetter äußert,
  • das Bier in der Schenke “Zum plötzlichen Tod” (“A la Morte Subite”)
  • Bilder einer Ausstellung zu den beiden Polkappen, in der ich gelernt habe, dass “Ui” auf Inuit “Mann” heißt, “Panik” “Mädchen” bedeutet und “Unnugummitaaqpuq” “Abendessen”.

Insgesamt ein sehr erfreulicher Besuch, den wir bald wiederholen müssen.

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Im Aquarium der Rechtsanwälte

Unser Bürogebäude liegt gegenüber einem anderen Bürogebäude. Dessen Wände sind weitgehend verglast, nur zwischen den Stockwerken liegen dickere Balken. Das sehe ich also, wenn ich aus dem Fenster schaue. Ich schaue recht häufig aus dem Fenster, vor allem, wenn ich über etwas nachdenken muss. Und ich muss recht häufig über etwas nachdenken, denn dafür werde ich bezahlt.

Die Gleichmäßigkeit dieser Fensterfront hat etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Dazu gehört auch, dass sie sich im Innern des Gebäudes fortsetzt. Die Tische, die Stühle, die Leuchten, die Wände, alles fügt sich zu einem homogenen Gewebe. Nur einige blasse Farbtupfer ziehen ab und zu gemächlich von links nach rechts und von rechts nach links. Ein zartes Blau, ein wenig Rosa und viel Weiß. Das sind die Hemden der Herren, die dort ihre Arbeit verrichten. Man hat mir erzählt, es handle sich um Rechtsanwälte.

Im Allgemeinen geht alles seinen ruhigen Gang, und das ist gut so. Nur manchmal erwecken kleine Unregelmäßigkeiten meine Aufmerksamkeit. So war es z.B. am Morgen nach dem Halbfinale. Ein etwas steifer Herr auf einer der oberen Etagen kam gleich zu Beginn des Tages von seinem üblichen Weg ab, der sonst ein gleichschenkliges Dreieck zwischen Tisch, Regal und Tür beschreibt. Mit eckigen Bewegungen näherte er sich seinem Schreibtisch von hinten, um von dort aus ebenso umständlich wie sorgfältig ein Fähnchen an seinem Computerbildschirm zu befestigen. Noch eine kurze Sichtprüfung der Knotenpunkte Regal, Tisch und Tür, dann begann sein Tag mit dem Lächeln desjenigen, der eins mit sich ist.

Auf den unteren Stockwerken litt kürzlich einer seiner Kollegen auf sympathische Weise unter der brütenden Hitze, die manchmal auch über Düsseldorf liegt. Gegen drei Uhr nachmittags – offensichtlich im Kampf mit einem anstrengenden Schriftsatz – versuchte er sich etwas Erleichterung zu verschaffen. In der Hoffnung auf einen kühlenden Luftzug öffnete er sein großes Fenster, lehnte sich in seinem Bürosessel mit hoher Lehne zurück, die Beine auf den Schreibtisch, den Schriftsatz in den Schoß. Für ein paar Minuten lächelte er entspannt in den Schriftsatz hinein. Aber mit zunehmender Entspannung kippte sein Kopf langsam nach hinten. Der Mund öffnete sich allmählich wie bei einem Karpfen, dann zehn Minuten seliger Schlaf. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Karpfenmund zwar gut aussieht, aber relativ schnell die Atmung behindert, so dass der Schläfer zumeist ruckartig in das Wachbewusstsein zurückgeholt wird. So auch mein Rechtsanwalt. Plötzlich nach vorne geworfen, der trockene Mund in aufgeregtem Auf und Zu, suchte er nach einer neuen stabilen Lage und fand sie in einer Rodins Denker nicht unähnlichen Position. Dort verharrte er unbeweglich wie Bronze, bis ich mir selbst einen Kaffee holen musste.

Unser Büro hat übrigens auch große Fenster, die sich in schöner Gleichmäßigkeit über die Fassade verteilen. Ich sitze also selbst im Aquarium der Rechtsanwälte. Worüber auf deren Blogs wahrscheinlich schon längst gelacht wird!

Nischenmarketing

Ich muss noch einen Nachtrag zum Einbruch in unser Auto machen, den ich schon längst loswerden wollte. Die Fahrerscheibe unseres Wagens war ja zerbrochen und sollte natürlich schnell ersetzt werden. Erfreulicherweise bekam ich gleich am Tag nach dem Vorfall einen Termin in unserer Autowerkstatt. So kurzfristig waren dort allerdings keine Leihwagen verfügbar. Also wurde eine nahe gelegene Autovermietung damit beauftragt mich von der Werkstatt abzuholen. Es kam ein junger Mensch in verknittertem weißem Hemd, Krawatte und einer leicht speckigen Anzugshose und dirigierte mich in einen riesigen Pickup-Truck, mit dem er mich zur Mietstation brachte. Unterwegs erzählte ich ihm die Einbruchsgeschichte, die er mit viel Interesse und Gelächter aufnahm. Zwischendurch fragte er beiläufig: “How do you like this truck?” Ich sagte etwas unverbindlich Freundliches von Hoch-oben-Sitzen und viel Platz, worauf er begeistert antwortete: “That’s great, because this is yours. It’s the only one we’ve left today!” That’s great, aber wie bringe ich Angela bei, dass sie mit diesem Monstrum heute zum Einkaufen fahren muss?

Die Mietstation war schmucklos bis zur Schwelle der Schäbigkeit. Auf einem kratzigen Industrieteppichboden waren einige Schreibtische ohne jeden Zusammenhang im Raum verteilt. Vorne eine Theke mit der Leuchtreklame der Mietwagenkette, deren grünliches Licht zur Schummrigkeit der gesamten Situation passte.

Während ich gelangweilt auf meinen Mietvertrag wartete, fiel mein Blick auf eine Tafel hinter der Theke, auf der mit blauem Filzstift folgendes Angebot aufgemalt war: “Socks & Sandals Saturday 2 % off”. Zur Illustration zwei haarige Beine in Strümpfen mit Sandalen. Ich rieb mir die Augen und sagte zu meinem Agenten: “Interesting marketing initiative. I think you will own this segment of the car rental market!” “Oh, yeah!”, antwortete der Mann mit dem verknitterten Hemd und deutete mit dem Kopf auf einen stiernackigen, nach vorne gebeugten Herrn im Halbdunkel am Ende des Raums, “our manager is very excited about this!”

“Joy in Düsseldorf”

Nun ist es also soweit. Wir ziehen von New York nach Düsseldorf. Genauer gesagt von Rye Brook, einem Ort an der Grenze zu Connecticut, nach Neuss, einem Ort, der Düsseldorf auf der anderen Rheinseite gegenüberliegt. Das ist natürlich eine große Sache und gehört als solche eigentlich nicht hierher. Aber ich will doch von zwei Kleinigkeiten berichten, die mir bei diesem Kraftakt Mut gemacht haben.

Zum einen hat mir der erfrischende Optimismus unserer amerikanischen Freunde geholfen. Als wir ihnen zum ersten Mal von unseren Umzugsplänen erzählten, bedauerten sie es natürlich und betonten, wie sehr sie uns vermissen würden. Sie hielten sich jedoch nicht lange mit weiterem Bedauern auf, sondern meinten gleich, dass Veränderung immer gut sei, “change is always good”. “Naja”, sagte Angela, “das kommt auf die Veränderung an”. Doch genau diese Einschränkung machten unsere Freunde nicht. Für sie war es vielmehr eine Frage der Einstellung. Wenn ein Weg nicht weiterführt, dann betrachten sie ihn nicht als Sackgasse, sondern vor allem als Gelegenheit, neue Wege zu entdecken. Ihr Blick geht immer nach vorne, nicht zurück. Als wir sie z.B. zu unserer Abschiedsfeier einluden, schlug ein Freund vor, statt von einer “farewell party” sollten wir doch lieber von einer “see you soon party” sprechen. Und zur Feier selbst brachten sie einen Kuchen mit, auf dem sozusagen programmatisch “Joy in Düsseldorf” stand. Das ist das Ziel, und darauf sollten wir unsere Energie richten, nicht auf die Dinge, die wir vermissen werden, und auch nicht auf die Umwege, die vielleicht dorthin führen. Diese Lektion gehört vielleicht zu den besten Dingen, die wir aus Amerika zurück nach Deutschland bringen.

Es war natürlich eine andere Frage, ob unsere Kinder das auch so sehen würden. Insbesondere bei Carla, die bald fünf Jahre alt sein wird, hatte ich befürchtet, dass ihr einfach eine Vorstellung davon fehlt, was ihr jetzt bevorsteht. Als wir in Amerika ankamen, war sie gerade ein Jahr alt. Umso überraschter war ich, als sie vor ein paar Tagen, während gerade unsere Sachen eingepackt wurden, mit nebenstehendem Gemälde ankam. Auf den zweiten Blick ist völlig klar, worum es geht. Wir sehen hier die Erde. Auf dem rosa Kontinent links oben befindet sich der Kringel New Yorks, darin der etwas kleinere Kringel Rye Brooks. Dort haben wir also bislang gelebt. Auf dem Weg zu unserem neuen Wohnort müssen wir das blaue Meer in der Mitte überqueren, Düsseldorf ist rechts unten durch ein Zielkreuz markiert. Alles wird gut. Looking forward to the joy in Düsseldorf.

Marketing und Wahrheit

Sie sind selten. Aber es gibt Momente, wo Marketing und Wahrheit in kosmischem Einklang stehen. Folgendes Belohnungszertifikat hat Angela von dem amerikanischen Schuhkaufhaus DSW erhalten.