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Na, so isset individuella…

Chinesisch für Kellnerin

In einem Kreuzberger Biergarten bedient um die Mittagszeit eine attraktive und freundliche Enddreißigerin. Auf ihrem Nacken ist auf dem zarten Abschnitt zwischen Pferdeschwanz und schwarzem T-Shirt eine Tätowierung aus großen Schriftzeichen zu sehen, die auf der Wirbelsäule nach unten führen. Die Zeichen sehen aus, als seien sie etwas angeschwollen.

Ein Kollege, der grundsätzlich gern mit Frauen spricht, fragt die Kellnerin nach der Bedeutung der Tätowierung. “So heißt  meene Tochta. Uff Schinesisch.” Und warum sich die Zeichen so abhöben? “Der Typ hatte vorher nur an jefrorenen Hühnchen jeübt. Ick war die erste Braut. Deswejen isset nicht janz eben jeworden. Na, so isset individuella.”

Wer wollte ihr widersprechen?

 

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Good shot, nice play!

Published by in Folklore on June 4th, 2006

Wer Amerika verstehen will, muss beobachten, wie die Amerikaner mit Kindern umgehen, gerade beim Sport. Im vergangenen Winter hat Moritz zum ersten Mal in einer amerikanischen Basketball-Mannschaft gespielt. Das war für ihn eine große Sache, denn er hatte vorher noch keinen richtigen Basketball-Unterricht, und nun sollte er gleich mit amerikanischen Jungs und Trainern spielen, die er alle noch gar nicht kannte. Es kostete schon etwas Mut zu den so genannten “try-outs” zu kommen, wo die Jungs vorspielen mussten, um dann in Mannschaften eingeteilt zu werden. Moritz kam zu den “Rye Brook Warriors”, die von Ken und Bruce trainiert wurden. Ken war der Chef-Trainer, Bruce sein Assistent. Wie die meisten anderen Trainer auch, hatten beide bürgerliche Berufe und übernahmen das Trainer-Geschäft nur zum Spaß in ihrer Freizeit. Das ist hier ziemlich verbreitet. Zudem sind in den Mannschaften öfter auch die Kinder der Trainer zu finden. Bei den Warriors spielten Tyler, der Sohn von Ken, und Tucker, der Sohn von Bruce. So weit, so gut.

Nach nur einem Training wurde bereits gegen eine andere Mannschaft gespielt. Alle waren aufgeregt: die Jungs, die Trainer und die Eltern der Spieler, die im Allgemeinen in großer Zahl auf der Tribüne saßen. Natürlich ging am Anfang noch vieles schief, aber trotz ihres sichtlichen Engagements war von den Trainern kein negatives Wort zu hören. Vielmehr versuchten sie, ihren Spielern Mut zu machen. Wenn einer einen Wurf auf den Korb wagte, ohne zu treffen, so wurde er immer noch mit dem Zuruf “good shot!” belohnt. Und wenn eine Kombination gut anfing, im Abschluss aber scheiterte, so war das immer noch ein “nice play!”. Statt Fehler zu kritisieren, förderten sie die guten Ansätze. Risikobereitschaft wurde belohnt. So wurden die Jungs im Verlauf der Saison immer selbstbewusster und entwickelten Fähigkeiten, die zumindest wir nicht erwartet hätten. Für Moritz war das einfach sensationell. Vom Ausländer, den niemand kannte, stieg er zu einem der Stars auf. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass er der größte in seiner Mannschaft war, aber ohne die positive Grundeinstellung der Trainer hätte gerade er sehr leicht scheitern können.

Wie anders war das in Deutschland! Dort war Moritz eine Zeit lang in einem Fußballverein. Ein muffiger Trainer kümmerte sich mehr schlecht als recht um 15 Jungs. Wenn er etwas zu bemerken hatte, dann war es Kritik. Natürlich wäre auch niemals daran zu denken gewesen, nach nur einem Training ein Spiel gegen eine andere Mannschaft zu machen. Stattdessen wurde krampfhaft trainiert. Wenn dann etwas nicht klappte, so war das für den Trainer immer ein Zeichen des Scheiterns, niemals ein guter Versuch. Moritz verlor schnell die Lust und stieg wieder aus.

Natürlich könnten wir in Amerika einfach Glück und in Deutschland einfach Pech gehabt haben, aber ich glaube hinter diesen Erfahrungen steckt etwas Allgemeineres. Die Amerikaner sind – nicht zuletzt im Geschäftsleben – oft selbstbewusster und risikofreudiger, weil sie in einer Kultur der Fehlertoleranz aufwachsen. Wer etwas ausprobiert, das nicht gelingt, ist nicht ein Versager, sondern ein Unternehmer, der etwas gelernt hat. Ohne ein großer Fussballkenner zu sein, habe ich den Eindruck, dass Jürgen Klinsmann, der ja bekanntlich in Kalifornien lebt, etwas von dieser Mentalität in das deutsche Team injizieren will. Als Zuschauer würde ich das auf jeden Fall begrüßen, denn wir würden dann sicher mehr Tore und mehr Spielfreude sehen.



Kansas City

In letzter Zeit war ich öfter geschäftlich unterwegs. Leider habe ich dabei selten Gelegenheit zu touristischen Aktivitäten. Trotzdem sammle ich oft Eindrücke auf dem Weg, die widerspiegeln, wo ich mich gerade aufhalte. Z. B. musste ich kürzlich nach Kansas City. Es war meine erste Reise in das amerikanische “heartland”, und ich sollte im Hauptsitz eines großen Unternehmens vor ca. 50 Führungskräften präsentieren. Der Campus der Firma war so groß, dass er eine eigene Postleitzahl hatte. Eine Umgebung, in der man viele Krawatten und gedämpfte Schritte auf schweren Teppichboeden erwartet. An einem späten Montagabend landete ich mit zwei Kollegen auf einem Flughafen, der aussah wie viele andere. Sodann machten wir uns auf den Weg zu einer Autovermietung, die aussah wie viele andere. Die Angestellte dieser Vermietung war allerdings auffallend freundlich. Sie betrachtete uns genau, bevor sie uns mit der Frage überraschte, welche Farbe wir denn bevorzugten: blau, rot oder silber. “Silber!”, sagte eine Kollegin prompt und ohne Widerspruch. Noch entzückt von diesem Service marschierten wir auf den Parkplatz, wo wir für ein paar Sekunden mit offenen Kiefern vor unserem Gefährt innehielten. Wir hatten einen silbernen “full size pick-up truck” bekommen, eines dieser Monster mit vier Türen, großer Ladefläche und einem Motor von der Größe eines Appartments. Als wir am nächsten Morgen mit dumpf grollendem Auspuff zur Präsentation fuhren, waren wir schon etwas beunruhigt, welchen Eindruck diese Karosse auf unsere Kunden machen würde. Aber die Sorge war unbegründet. Auf dem Parkplatz war jedes dritte oder vierte Auto ein Pick-up, viele von ihnen blau, rot oder silber. Als wir ausstiegen, nickte uns jemand freundlich zu.



Harrison first stop!

Ich pendle fast täglich zwischen Manhattan und Westchester, das ist die Vorstadtgegend, in der wir wohnen. Dort leben ungefähr eine Million Leute, von denen etwa die Hälfte jeden Tag in die City und zurück muss. Das macht man nicht mit dem Auto – es sei denn in suizidaler Absicht -, sondern mit dem Zug. Es fahren also wirklich viele Züge auf dieser Strecke. Die Zuggesellschaft heißt “Metro North” und betreibt eine unabsehbare Zahl von silbern glänzenden Pendlerzügen. Ich verstehe das Fahren in diesen Zügen als folkloristischen Akt. Die Schaffner sind die Hohepriester des Zeremoniells. In jedem Zug gibt es Schaffner und Hilfsschaffner, so ähnlich wie bei den Sheriffs. Nur dem Schaffner steht das Privileg zu, die einzelnen Bahnhöfe anzusagen und im Falle von besonderen Vorfällen Kommentare oder Verhaltensregeln durchzugeben. Diese Leute haben das zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt. Nur ein Beispiel zur Einführung.

Am liebsten würde ich eine Porträtserie von der gesamten Mannschaft machen, aber einer liegt mir besonders am Herzen. Er dirigiert den Zug um 18:33 von der Grand Central Station nach Stamford. “Conductor” zu sein ist für ihn eine Berufung. Es handelt sich um einen verhältnismäßig großen, hageren Mittvierziger mit einem schaukelnden Gang, so ähnlich wie bei einem Pinguin, wenn es denn so etwas wie einen großen, hageren Pinguin gäbe. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Eigenart auf eine Fehlstellung der Knochen zurückzuführen ist oder sich einfach im Laufe der Berufsjahre herausgebildet hat. Jedenfalls ist sie ungemein nützlich, wenn er sich von Sitzreihe zu Sitzreihe bewegt, um die Fahrkarten zu sehen oder abzuknipsen. Dabei schlägt sein Körper wie ein umgedrehtes Pendel zu den Seiten aus, so dass ihm nichts entgeht. Seine eigentliche Passion sind aber die Ansagen der Bahnhöfe. Er gestaltet jede ein wenig anders und umspielt das Thema immer variationenreich, vor allem in der Tonalität. Besonders eindringlich wird das durch einen sehr nasalen Klang. Das mag daher kommen, dass auf seiner ohnehin schmalen Nase eine viel zu große Brille aus den Siebzigern sitzt, die das Organ praktisch verschließt. Nun muss man wissen, dass der Zug um 18:33 ein Expresszug ist, d.h. er lässt viele Stationen aus. Besonders lang ist das erste durchgehende Stück zwischen dem Hauptbahnhof und Harrison. Für den Mann ist das eine Pein. In diesen 30 Minuten staut sich die ganze Energie auf, die er sonst in die Ansagen der Zwischenstationen legen würde. So wird die Ansage von Harrison immer besonders intensiv. Er beginnt schon vor der eigentlichen Ankunft (Angela hat gesagt, man muss das auch hören, also habe ich es auch auf die angehängte Datei gesprochen): “Ladies and Gentlemen, we are approaching Harrison station. Make sure you got all your personal belongings. Next station is Harrison. Harrisson – Harrison – Harrison. Watch your step when leaving the train. HarrisonHarrisonHarrison, HAR-RI-SON next. This is the express train to Stamford, Harrison next stop. Har-ri-son, Har-ri-son, (jetzt singend) Har-ri-so-hon. Don’t leave anything on this train. We are now in Harrison station, this is Harrison, watch your step. HARRISON! Please change here for local service. This is an express train. Now in Harrison station. Have a nice evening!” Im Verlauf dieser Ansage baut sich die angestaute Energie ab. Zum Schluss hat er sich dann so verausgabt, dass für die nächste Haltestelle nur noch ein rachitischer Hauch übrig bleibt. Tatsächlich ist der Name des nächsten Ortes sehr kurz, so dass er sich gut in die Dramaturgie fügt: “Next stop is Rye – Rye – – Rye..”

Conductor: Harrison next!

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