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Go the Fuck to Sleep

Buchempfehlung für alle Eltern mit kleinen Kindern oder solchen, die sich noch daran erinnern können, wie es war.



Krisenbrötchen

In Neuss versteht man es Brötchen zu backen. Nicht zu hell und nicht zu dunkel. Die Hülle knusprig, aber nicht so hart, dass Verletzungsgefahr bestünde. Innen so fleischig, dass genau die richtige Mischung von Widerstand und Nachgiebigkeit zu spüren ist, wenn man die Zähne darin versenkt. Und es gibt so viele Bäckereien, dass auch an trüben Wintermorgen keine zu weit entfernt ist. Das habe ich genossen, seitdem wir hier wohnen. So weit, so gut. Dann kam die Krise.

krisenbrotchenDie Qualität der Brötchen hat zwar seither nicht nachgelassen, und auch die Preise sind angesichts des scharfen Wettbewerbs stabil geblieben. Aber unser Hausbäcker betreibt seither eine konsequente Verkleinerungsstrategie. Heute morgen hat diese Entwicklung einen Punkt erreicht, den ich hier zu Protokoll geben muss (siehe Bild). Der Diminutiv von Brot reicht nicht mehr aus, um dieses Mahnmal der Rezession zu beschreiben. Das ist kein Brötchen, bestenfalls ein Brötelchen.  Da ich kurzsichtig bin, kann ich es zwar noch sehen, aber die gesamte Choreografie des Schmierens kommt durcheinander, wenn die Maßstäbe einfach nicht mehr stimmen. In der Sprache des Modelleisenbahners ist das etwa so, also würde ein HO-Männchen versuchen, ein Spur N-Brötchen zu bestreichen. Wenn du das Brötchen festhälst, reichen deine Finger auf der Rückseite weiter nach unten als sonst. Gleichzeitig durchstößt du den Laib mit dem Messer auf der Vorderseite mit dem gleichen Vortrieb, wie du es gewohnt bist und schneidest dir so in die unvorbereiteten Finger auf der Rückseite. Ist es dann erstmal beschmiert, fällt es dir dauernd aus der Hand, weil deine Feinmotorik am Morgen noch gar nicht ausreicht, um so kleine Flächen zielgenau zu bestreichen. Also ist die Butter auch auf deinen Fingern und dann auf der Zeitung. Ich denke, ich werde diesem Bäcker einen Vorschlag zur Diversifizierung seines Geschäftsmodells machen: soll er doch neben seinem Laden ein Pinzettengeschäft eröffnen, damit die Kunden die Hilfe bekommen, die sie beim Verzehr seiner Krisenbrötchen demnächst brauchen werden.



Sale!

Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich im Zusammenhang mit der “holiday season” schon einmal über die amerikanische Kunst des Verkaufens berichtet. Doch nun hat Angela mir neues Material zu diesem ergiebigen Thema bereitgestellt.

“Sale!” heißt bekanntlich so viel wie Sonderangebot oder auch Schlussverkauf. Semantisch gesehen lebt die Idee des Sonderangebotes von der Annahme, dass etwas, das normalerweise mehr kostet, ausnahmsweise zu einem niedrigeren Preis angeboten wird. Wie lässt sich aber das Konzept des Sonderangebotes noch aufrecht erhalten, wenn die Ausnahme zur Regel wird, wenn das ganze Jahr nur aus einem Stakkato von Sonderangeboten besteht? Zur Beantwortung dieser Frage hat Angela über einige Monate hinweg die Werbebeilagen des Kaufhauses Kohl’s zusammengetragen. Ich empfehle die folgenden Titel dieser Beilagen guten Freunden bei einem Glas Rotwein mit präziser Stimme vorzutragen:

 

 

Juli:
2-day pre-fourth of July sale; back-to-school sensation sale; sizzling-hot summer sale; two-day sale

August:
all-day doorbuster sale; the big one; one day only 40-50% off sale; Denim sale; school days sale; stock up sale; super saturday; half-price sale 2 days only; one day sale Wednesday only; entire stock vans skate shoes

September:
the main event sale; Labor day sale; Wednesday only sale; two-day sale; men’s wardrobe sale; anniversary sale; big wednesday; super saturday; home sale; all-day doorbuster sale; incredible savings day, power hours

Oktober:
essential savings sale, 3 days only;  grand opening sale; big wednesday; 2-day mega sale; buy one get one free; lowest prices of the season; lowest prices of the season going on; last days to save lowest prices of the season; last 2 days to save lowest prices of the season

November:
half price sale; super saturday; save 40% on entire stock; big wednesday; secret santa sale; veteran’s day sale; 50% off sale; the main event sale; home sale; pre-thanksgiving sale; after-thanksgiving sale, early birds 6am-1pm only; after-thanksgiving 2-day sale; heart of the holiday sale; 30-50% off sale; classic Christmas sale

Dezember:
mega gift sale; 50% off sale; heart of the holiday sale; sale & clearance 60 % off; home sale; Christmas power shopping sale; Christmas countdown sale; Christmas sale; the big one; incredible christmas sale featuring lowest prices of the season; half price sale; holiday doorbuster sale; sale & clearance 60 % off going on now; new year’s sale & clearance

Januar:
the ultimate fitness sale; January savings sale; buy 1 get 1 free; big weekend sale, power hours: night owls 3pm-11pm, early birds 7am-1pm

Das Kaufhaus Kohl’s führt den Claim “expect great things”.


Good morning, have a nice day!

New York begrüßt mich jeden Morgen auf eine sehr besondere, wenn auch immer gleiche Weise. An der Grand Central Station steige ich immer vom Zug in eine U-Bahn der Linien 4, 5 oder 6 um. Dabei benutze ich inzwischen einen Weg abseits der Massen. Mein Kollege Steve Foley, der schon seit 28 Jahren zwischen Rye und Manhattan pendelt, hat mir neulich gezeigt, dass man sich nicht unbedingt die eine Treppe hinabzwängen muss, die von den meisten Pendlern benutzt wird, sondern auch den Weg nehmen kann, der im Allgemeinen nur als Ausgang von der U-Bahn dient. Dieser anti-zyklische Weg führt zu einem Abschnitt des U-Bahnsteigs, auf dem morgens einer der Bahnsteigwärter arbeitet, deren Aufgabe eigentlich nur darin besteht, die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen anzuleiten. “Move all the way into the car!”, “Step aside while others leave the train!”, “Watch your step!” und “Mind the gap!” sind die typischen Schlachtrufe dieser Türhüter des Untergrunds. Der Mann auf meinem Abschnitt zeichnet sich aber durch einige Besonderheiten aus, die zum Sinnbild dafür geworden sind, wie New York mich jeden Morgen begrüßt. Es handelt sich um einen sehr korpulenten, großen Schwarzen, der stets an derselben Säule lehnt, wenn ich die Treppe herunterkomme. Wie ein schwarzer Buddha steht er da, in einer blauen Uniform, auf der wie ein riesiger Latz eine reflektierende Weste in Orange und Gelb ruht. Er ist ein ungemein freundlicher Mensch. Während sich die Leute ungeduldig die Treppe hinaufschieben oder wie ich hinunterschlängeln, bemüht er sich, so viele wie möglich persönlich zu grüßen. “Good morning, have a nice day!” ruft er alle paar Sekunden im Wettstreit mit dem lauten Rattern und schrillen Quietschen der Bahnen, “Good morning, have a nice day!” und nickt dabei einzelnen freundlich zu. Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sein Gruß jeden Tag wohl mehr als tausendfach erklingen muss. Aber das alleine ist es nicht. Der kolossale Leib des Buddhas wäre eigentlich ein idealer Resonanzkörper für einen sonoren Bass. Doch die Natur hat in einer nahezu unverständlichen Laune nur eine kleine, hohe Fistelstimme in diesem großen Gebäude untergebracht, das ist vielleicht das NewYorkische daran. “Good morning, have a nice day!” fiept es immer wieder, die Höhe seines Rufs schneidet wie ein Messer durch den übrigen Lärm. “Good morning, have a nice day!” höre ich noch nach dem Schließen der Türen. Irgendwie bin ich mir sicher, dass der Buddha meint, was er ruft. Vielleicht ist es ja nur seine persönliche Mission, aber auf eine merkwürdige, zerbrechliche Art fühle ich mich doch jedesmal willkommen in dieser erstaunlichen Stadt.

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Smoke on the train!

Heute auf dem Weg mit dem Zug aus der Stadt. Wir waren immer noch unter der Erde unterwegs, als es plötzlich nach Feuer roch und kurz danach deutliche Rauchschwaden im Zug aufstiegen. Natürlich waren die Fahrgäste sofort beunruhigt, einige standen auch auf und liefen unruhig umher. Dann kam die erste Durchsage: “Folks, yeees, this smells like fire – and it is. There is something burning on the level below us. Keep cool, we’ll hurry out of the tunnel and get you some fresh air soon.” Und ein paar Sekunden danach: “This doesn’t mean that smoking is now allowed on this train.”



Harrison first stop!

Ich pendle fast täglich zwischen Manhattan und Westchester, das ist die Vorstadtgegend, in der wir wohnen. Dort leben ungefähr eine Million Leute, von denen etwa die Hälfte jeden Tag in die City und zurück muss. Das macht man nicht mit dem Auto – es sei denn in suizidaler Absicht -, sondern mit dem Zug. Es fahren also wirklich viele Züge auf dieser Strecke. Die Zuggesellschaft heißt “Metro North” und betreibt eine unabsehbare Zahl von silbern glänzenden Pendlerzügen. Ich verstehe das Fahren in diesen Zügen als folkloristischen Akt. Die Schaffner sind die Hohepriester des Zeremoniells. In jedem Zug gibt es Schaffner und Hilfsschaffner, so ähnlich wie bei den Sheriffs. Nur dem Schaffner steht das Privileg zu, die einzelnen Bahnhöfe anzusagen und im Falle von besonderen Vorfällen Kommentare oder Verhaltensregeln durchzugeben. Diese Leute haben das zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt. Nur ein Beispiel zur Einführung.

Am liebsten würde ich eine Porträtserie von der gesamten Mannschaft machen, aber einer liegt mir besonders am Herzen. Er dirigiert den Zug um 18:33 von der Grand Central Station nach Stamford. “Conductor” zu sein ist für ihn eine Berufung. Es handelt sich um einen verhältnismäßig großen, hageren Mittvierziger mit einem schaukelnden Gang, so ähnlich wie bei einem Pinguin, wenn es denn so etwas wie einen großen, hageren Pinguin gäbe. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Eigenart auf eine Fehlstellung der Knochen zurückzuführen ist oder sich einfach im Laufe der Berufsjahre herausgebildet hat. Jedenfalls ist sie ungemein nützlich, wenn er sich von Sitzreihe zu Sitzreihe bewegt, um die Fahrkarten zu sehen oder abzuknipsen. Dabei schlägt sein Körper wie ein umgedrehtes Pendel zu den Seiten aus, so dass ihm nichts entgeht. Seine eigentliche Passion sind aber die Ansagen der Bahnhöfe. Er gestaltet jede ein wenig anders und umspielt das Thema immer variationenreich, vor allem in der Tonalität. Besonders eindringlich wird das durch einen sehr nasalen Klang. Das mag daher kommen, dass auf seiner ohnehin schmalen Nase eine viel zu große Brille aus den Siebzigern sitzt, die das Organ praktisch verschließt. Nun muss man wissen, dass der Zug um 18:33 ein Expresszug ist, d.h. er lässt viele Stationen aus. Besonders lang ist das erste durchgehende Stück zwischen dem Hauptbahnhof und Harrison. Für den Mann ist das eine Pein. In diesen 30 Minuten staut sich die ganze Energie auf, die er sonst in die Ansagen der Zwischenstationen legen würde. So wird die Ansage von Harrison immer besonders intensiv. Er beginnt schon vor der eigentlichen Ankunft (Angela hat gesagt, man muss das auch hören, also habe ich es auch auf die angehängte Datei gesprochen): “Ladies and Gentlemen, we are approaching Harrison station. Make sure you got all your personal belongings. Next station is Harrison. Harrisson – Harrison – Harrison. Watch your step when leaving the train. HarrisonHarrisonHarrison, HAR-RI-SON next. This is the express train to Stamford, Harrison next stop. Har-ri-son, Har-ri-son, (jetzt singend) Har-ri-so-hon. Don’t leave anything on this train. We are now in Harrison station, this is Harrison, watch your step. HARRISON! Please change here for local service. This is an express train. Now in Harrison station. Have a nice evening!” Im Verlauf dieser Ansage baut sich die angestaute Energie ab. Zum Schluss hat er sich dann so verausgabt, dass für die nächste Haltestelle nur noch ein rachitischer Hauch übrig bleibt. Tatsächlich ist der Name des nächsten Ortes sehr kurz, so dass er sich gut in die Dramaturgie fügt: “Next stop is Rye – Rye – – Rye..”

Conductor: Harrison next!

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