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Jetzt amtlich: Ich lebe noch!

Mein Vorurteil, in Amerika sei alles viel unkomplizierter, wurde durch meine amerikanische Führerscheinerfahrung gründlich geprüft. Zum Ausgleich habe ich danach so manchen Amerikaner – in einer eigentlich unangemessenen Form von Nationalhaftung – mit Erzählungen über bizarre Details der hiesigen Bürokratie gequält. — Bis der Brief von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte kam. Darin wurde ich aufgefordert, amtlich bestätigen zu lassen, dass ich noch lebe und deutscher Staatsbürger bin! Nun könnte man ja verstehen, dass die Versicherungsanstalt wissen will, ob ein Rentenempfänger überhaupt noch lebt. Ich bin aber gar kein Rentenempfänger, auch wenn mir gelegentlich der Sinn danach steht, sondern ein Rentenzahler! Ich möchte sogar freiwillig in die deutsche Rentenversicherung einzahlen, während ich in Amerika lebe. Dazu muss ich allerdings besagten Lebensnachweis erbringen (siehe Anhang), erst dann bin ich “berechtigt Beiträge zu zahlen”. Seither erzähle ich den Amerikanern sozusagen als Wiedergutmachung diese Geschichte, und ihre Welt ist wieder in Ordnung.

Die Bestätigung, dass ich noch lebe, hat mir freundlicherweise das Deutsche Generalkonsulat ausgestellt. Das Konsulat ist zusammen mit dem Deutschen Informationszentrum und der Ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen seit 1998 im German House New York untergebracht. Kein schlechter Platz. Schräg gegenüber vom UNO Hauptquartier gelegen, erhebt sich ein schlankes Hochhaus mit 23 Stockwerken und einem standesgemäßen Eingang samt Bundesadler an der 1st Avenue. Es ist nur so, dass man für Lebenszertifikate und die meisten anderen Konsularangelegenheiten nicht den Haupteingang benutzen darf, sondern an einen weitaus weniger spektakulären Nebeneingang an der 49. Strasse verwiesen wird. Dort betritt man durch einen schmalen Gang einen relativ kleinen länglichen Raum, in dem rechts ein Empfangstisch und geradeaus ein Metalldetektor stehen. Es ist schon erstaunlich, dass so ein schmaler Gang für den Übertritt in eine andere Welt genügt. Gerade bin ich noch ich zu Fuss von der Grand Central Station hierher spaziert: vorbei am Chrysler Building durch den stets grandiosen Verkehr und das urbane Fußvolk, das mit der Nähe zur UNO noch an Internationalität zu gewinnen scheint. Dann gehe ich durch diesen schmalen Gang in der 49. Strasse und werde von einem Lied begrüßt, das in den Siebzigern in der ZDF-Hitparade gelaufen sein könnte, so von der Kategorie “Hossa, jetzt geht die Party los”. Die Musik kommt aus einem alten Transistorradio, das auf dem Schreibtisch steht. (Gibt es in New York einen Sender, der sowas ausstrahlt?!) Der Mann hinter dem Tisch ist untersetzt und hat einen Scheitel direkt über einem Ohr, von dem aus lange Strähnen bis zum anderen Ohr führen. “On se fors flohr”, sagt er ohne Weiteres auf meine Frage, wo Lebensbestätigungen ausgestellt würden. Der andere am Metalldetektor ist dagegen mager und hat dunkles Haar, das allerdings gefärbt sein könnte. Es glänzt von Fett oder Frisiercreme. Im vierten Stock ist nichts los, aber ich muss trotzdem 45 Minuten auf den Amtsrat warten, der mein Leben zertifiziert. Auf dem Formular der Bundesversicherungsanstalt steht, dass deutsche Auslandsvertretungen solche Bestätigungen kostenlos vornehmen. Der Amtsrat lächelt und verlangt trotzdem $ 20. Dafür bin ich jetzt wenigstens “berechtigt Beiträge zu zahlen”.



Wie man New Yorker wird

New Yorker wird man mit dem Führerschein, und das geht so:

Du brauchst ein Auto, denn wenn du schon einen anderen Führerschein hattest, musst du das zur Fahrprüfung mitbringen. Der Fahrprüfer setzt sich dann zu dir rein. Also du kaufst dir ein Auto. Du kannst dir aber kein Auto kaufen, wenn du keine Sozialversicherungsnummer hast. Eine Sozialversicherungsnummer kannst du frühestens am zehnten Tag nach deiner Ankunft beantragen. Wenn der Antrag gestellt ist, bekommst du ein Schreiben, in dem garantiert wird, dass du die Nummer spätestens nach zwölf Wochen erhälst. Also freust du dich, wenn sie nach zwei Wochen kommt. Dann gehst du ein Auto kaufen. Du kannst dir aber kein Auto kaufen, weil du als Ausländer keinen Kredit bekommst. Du hast nämlich keinen “credit record” in den USA, ist ja klar. Also brauchst du Referenzen, von deiner Heimatbank, deinem Chef, deiner Oma usw., dann geht das schon irgendwie, kostet halt dann ein bisschen mehr, aber schließlich kennt dich hier niemand. Anschließend kannst du dann gleich ein Auto kaufen gehen. Du findest es auch bald, denn es gibt wirklich viele Autos hier. Du kannst es nur noch nicht kaufen, weil du dazu natürlich eine Versicherung brauchst. Die Versicherung kriegst du allerdings nur, wenn du einen New Yorker Führerschein hast. Klar, die Versicherung will natürlich nicht das Risiko eingehen, dass du in Amerika gar nicht richtig Auto fahren kannst. Also ein Schritt nach dem anderen. Du beantragst den Führerschein. Ach ja, eigentlich solltest du ja mit deinem eigenen Auto zur Fahrprüfung kommen, und du hast noch keins, weil dir eben noch der Führerschein fehlt. Aber du kannst dir ja eins mieten. Musst du ja sowieso, weil man hier eh alles mit dem Auto macht. Wenn du ein bisschen suchst, kannst du auch interessante Mietwagenangebote finden, gerade so ab sechs Wochen Mietdauer gibt’s da alles Mögliche, man muss sich halt nur ein bisschen Zeit nehmen und rumschauen. Und du kannst dir schon vor der Prüfung jede Menge Fahrpraxis aneignen! Sowas wäre ja bei uns unmöglich! Du beantragst also den Führerschein, machst dann einen fünfstündigen Theoriekurs und dann die Fahrprüfung. Wenn du mit deinem Auto zur Fahrprüfung fährst, solltest du allerdings am besten jemanden mitnehmen, der schon einen gültigen New Yorker Führerschein hat. Denn wenn du durchfällst, darfst du natürlich nicht einfach wieder nach Hause fahren. Wär’ ja noch schöner! Deinen alten Führerschein ziehen sie ein und werfen ihn weg. Du brauchst ihn ja nicht mehr. Aber wenn du meinst, dass du ihn doch noch unbedingt mal brauchen solltest, dann heben sie ihn sogar für dich auf. Du musst halt dann nur zum Amt gehen und ihn abholen. Dafür nehmen sie dir dann den New Yorker Führerschein wieder ab, weil man ja nicht zwei gleichzeitig braucht. Du hast also den Führerschein, bekommst dann eine Versicherung, Kohle hast du auch schon, also gehst du direkt ein Auto kaufen. Und das Beste ist: du zahlst hier keine Steuer für dein Auto! Nur die Versicherung. Für die Versicherung musst du allerdings schon ein bisschen mehr ausgeben. Du bist hier ja noch nicht gefahren, nur ein paar Wochen mit dem Mietwagen, also hast du keinen “insurance record”. Mit deiner Heimatversicherung lässt sich das gar nicht vergleichen. Wenn du zwanzig Jahre lang was ganz anders gemacht hast, dann hilft dir das hier nicht weiter, es macht ja eigentlich alles nur noch gefährlicher. Du fängst also mit einem höheren Satz an. Und in New York passiert ja auch so viel. Marissa hat mir erzählt, dass kürzlich erst wieder jemand in das Haus ihrer Freundin gefahren ist. Das müssen die Versicherungen alles finanzieren. Dafür sind $ 150-160 pro Monat dann eigentlich gar nicht so viel. Du gehst also dann einfach ein Auto kaufen, und dann bist du New Yorker.



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