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Archive for the ‘Momente’ Category:


Der Klang des Eises

Das Eis eines oberbayerischen Weihers zwitschert unter einem einem dahingleitenden Stein.



Na, so isset individuella…

Chinesisch für Kellnerin

In einem Kreuzberger Biergarten bedient um die Mittagszeit eine attraktive und freundliche Enddreißigerin. Auf ihrem Nacken ist auf dem zarten Abschnitt zwischen Pferdeschwanz und schwarzem T-Shirt eine Tätowierung aus großen Schriftzeichen zu sehen, die auf der Wirbelsäule nach unten führen. Die Zeichen sehen aus, als seien sie etwas angeschwollen.

Ein Kollege, der grundsätzlich gern mit Frauen spricht, fragt die Kellnerin nach der Bedeutung der Tätowierung. “So heißt  meene Tochta. Uff Schinesisch.” Und warum sich die Zeichen so abhöben? “Der Typ hatte vorher nur an jefrorenen Hühnchen jeübt. Ick war die erste Braut. Deswejen isset nicht janz eben jeworden. Na, so isset individuella.”

Wer wollte ihr widersprechen?

 

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Marketing und Wahrheit

Sie sind selten. Aber es gibt Momente, wo Marketing und Wahrheit in kosmischem Einklang stehen. Folgendes Belohnungszertifikat hat Angela von dem amerikanischen Schuhkaufhaus DSW erhalten.

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Ein David-Lynch-Moment

Published by in Momente on April 24th, 2008

Die Filme des großartigen Regisseurs David Lynch sind unter anderem deshalb so beunruhigend, weil sie die Abgründe aufzeigen, die plötzlich im Alltäglichen aufklaffen können. In der Eröffnungsszene von Blue Velvet taucht die Kamera z. B. in eine amerikanische Vorstadtlandschaft ein, die geradezu unwirklich aufgeräumt und poliert zu sein scheint. Sie wandert über makellose Häuser, Blumen und Zäune, bis sie auf einem der makellosen Rasen ein abgeschnittenes menschliches Ohr findet.

Wir wohnen in so einer Vorstadt. Und heute war ein sonniger Frühlingstag, der das richtig zur Geltung brachte. Überall üppig blühende Bäume auf Wiesen, die nach der Frühjahrsreinigung der Landschaftsgärtner so aussehen, als würden sie mit der Genauigkeit einer Nagelschere gepflegt. Angela, Carla und ich verließen gerade bei bester Stimmung eine Filiale der Großhandelskette Costco, als ich sah, dass unser Auto auf dem Parkplatz merkwürdig schwankte. Ein massiger Typ versuchte mitten auf dem belebten Parkplatz im strahlenden Mittagslicht in die Fahrertüre einzubrechen! Mit der Idiotie, die wir gelegentlich angesichts des Unglaublichen zeigen, rief ich ihm zu: “What are you doing?” Er antwortete ebenso idiotisch: “Nothing happened!” und entfernte sich zügig, aber unaufgeregt, von unserem Fahrzeug.

Nun konnte ich die Risse in der Fensterscheibe sehen. Das musste einen Testosteronstoß ausgelöst haben, denn ich fing plötzlich an, den Einbrecher zu verfolgen. Er setzte sich daraufhin auch in Trab, allerdings nicht sehr schnell. Es handelte sich um einen eher schwerfälligen Mann von vielleicht Anfang Fünfzig. Nach einem halben Block hatte ich ihn eingeholt. Worauf er unter seinem riesigen T-Shirt zum Gürtel fasste und ankündigte: “I’ll pull a gun on you!” Übersetzt heißt das ungefähr: “Was glaubst du eigentlich, was du hier machst, Blödmann?” Eine gute Frage. Während ich über die Antwort nachdachte, kletterte der Einbrecher über einen Zaun und verschwand hinter einem schäbigen Appartment-Haus aus braunen Ziegeln.

“Why don’t you call the cops?”, schlug nun ein Latino vor, dessen verschwitztes Gesicht langsam in einem alten Van vorüberrollte. Auch ein guter Punkt, aber natürlich hatte ich gerade in diesem Moment kein Mobiltelefon bei mir. Also schnell zurück zu Angela und Carla! Während ich zurückrannte, konnte ich schon Sirenen hören und mehrere Polizeiwagen sehen, einer davon fuhr direkt hinter mir her. Als ich ankam, hörte ich aus einem der Polizeiautos eine Durchsage des Polizeifunks: “White male, green shirt, glasses with black frame, running across Costco parking lot.” Ha, sie verfolgten den Falschen, der Täter war nämlich ein Schwarzer! Hinter mir öffneten sich Autotüren. “Oh, no, officer, it wasn’t me, I’m the OWNER of the damaged vehicle!” Unter der wachsenden Gruppe von Polizeibeamten befand sich nun auch ein Detective, der meinte, vielleicht habe Costco Überwachungskameras, auf denen der Vorfall aufgezeichnet wurde. Ansonsten sei es das gewesen. Officer Ceccarelli würde einen Bericht verfassen, den wir in drei Tagen auf der Wache abholen könnten. “Have a good day!”



Touristischer Moment in Ottawa

Wir mussten das Land verlassen. Wenigstens für einen Moment. Denn Ende Juli wird unser Visum ablaufen. Es ließ sich zwar noch einmal um zwei Jahre verlängern, man konnte das aber nur bei einem amerikanischen Konsulat außerhalb der Staaten tun. Die für uns am nächsten gelegenen Konsulate befinden sich in Kanada: Montreal, Toronto oder Ottawa, alle ungefähr acht Autostunden entfernt. Nur in Ottawa gab es einen passenden Termin. Es war nicht unsere erste Wahl, aber wir waren angenehm überrascht.

Ottawa, Parlament

Man merkt, dass Ottawa die Hauptstadt ist. Alles wirkt irgendwie sauber, aufgeräumt, geordnet. Es gibt offensichtlich Geld zur Pflege des öffentlichen Raums. Der Stadtkern wird vom Parlamentsgebäude dominiert, das auf einem Hügel über dem Ottawa-Fluss thront und Commonwealth-Luft atmet (siehe Foto). Es gibt auch eine Reihe sehr sehenswerter Museen. Insbesondere für das Canadian Museum of Civilization sollte man sich Zeit nehmen.
Die Geschichte der kanadischen Stämme hat vielfache Zweige und geht Jahrtausende zurück. Anbei ein Foto von der mächtigen Haupthalle des Museums, in der Original-Totempfähle und -Häuser von Indianern an der Atlantikküste aufgestellt sind.

In kulinarischer Hinsicht hat uns ein Besuch auf dem schönen Byward-Markt beeindruckt. Nach einem Bummel durch die gepflegten Marktstände fanden wir dort einen feinen Fischplatz mit einem sehr feinen kanadischen Weißwein.

Canadian Museum of Civilization

Am meisten blieb mir aber ein anderer touristischer Moment in Erinnerung. Als wir vom Parlamentshügel auf den Fluss herunterschauten, raste mit hoch erigiertem Bug ein Motorrennboot vorüber. Erst von rechts nach links, dann von links nach rechts, bevor es auf der Mitte des Flusses genau unterhalb des Parlaments haltmachte. Der Fahrer des Bootes stand auf, kletterte auf der Erektion ganz nach vorne, öffnete mit dem kleinen Hüftschwung, den nur Männer verstehen, die Badehose, um eine in der Sonne glitzernde Parabel in das Gewässer zu werfen. Mit einem zweiten Hüftschwung wurde das Werkzeug verstaut, bevor sein Beifahrer ihm mit genau derselben Übung folgte. Als das Boot sich wieder mit dumpfem Röhren des Motors aus dem Wasser hob, schien das Geräusch dazu aus den offenen Mündern der Touristen auf dem Hügel zu kommen.

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