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Archive for the ‘Reisen’ Category:


Prag

Published by in Reisen on April 1st, 2013

©Moritz Kolb 2013

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Der Klang des Eises

Das Eis eines oberbayerischen Weihers zwitschert unter einem einem dahingleitenden Stein.



Puppenspielerinnen auf Las Ramblas

Published by in Reisen on April 25th, 2011

Las Ramblas ist die berühmteste Straße Barcelonas, und es ist die touristischste Straße der Stadt: ursprünglich mal ein Flussbett, heute eine Platanenallee von einem Kilometer Länge, die zum Meer führt, gesäumt von Zeitschriftenläden, Blumenständen, Kleintierhändlern, Restaurants, Straßenkünstlern und Touristenmassen, die nun statt des Wassers zum Meer strömen. Insgesamt eigentlich nicht sehr attraktiv, aber in unserem Reiseführer hieß es, es sei immer ein Schauspiel, also gingen wir hin. Okay, hier waren die Zeitschriften, da die  Blumen, dort die Tiere, danach die Straßenkünstler und überall Restaurants und Touristen.

Aber am Ende, wo sich die Kolumbussäule hoch in den Himmel erhebt, gab es doch noch ein kleines Schauspiel. Eine Gruppe von Mädchen bewegte sich gemächlich Richtung Säule, eine davon hielt lässig eine aufblasbare Puppe unter dem Arm (siehe Bild). Carla fragte gleich danach, was die großen Mädchen mit dieser Puppe denn vorhätten. Ich sagte “Spielen” und war froh, dass die Antwort genügte.

P.S. an mich selbst: Ablage in der Materialsammlung zu Fellinis “Stadt der Frauen”

 

 

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Doggy Barcelona 08028

2003 hatte Carla zu ihrer Geburt ein Kuscheltier bekommen, ein Hündchen, das während der Amerikajahre auf den einfachen Namen “Doggy” getauft wurde. Ohne Doggy kann Carla bis heute nicht einschlafen, und ohne Doggy geht sie nicht auf die Reise. Für mich war Doggy immer männlich. Das lag auch daran, dass immer davon die Rede war, dass “der Doggy nicht zu finden” war oder es “dem Doggy nicht gut ging”. Daher war ich etwas irritiert, als Carla vor etwa einem Jahr damit anfing, Doggy Kleider anzuziehen. Sie behauptet, Doggy sei ein Mädchen, für mich ist er eine Drag Queen. Wie auch immer. In Doggys Kleidern spiegelt sich, was Carla gerade macht oder erfährt. Wenn Carla ins Bett geht, trägt Doggy z.B. ein Nachthemd.

Nun waren wir ein paar Tage in Barcelona, und Carla hat dort eine kleine Bilderserie mit Doggy angefertigt, in der sich Eindrücke von unserem Aufenthalt widerspiegeln. Mein Lieblingbild aus der Sequenz zeigt Doggy auf dem Boden sitzend, mit verschämtem Blick, denn er hat den Badeanzug schon aus-, aber das Kleid noch nicht angezogen.

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Brüssel

Brüssel liegt tatsächlich nur zwei Autostunden von Düsseldorf entfernt, und letztes Wochenende haben wir dort einen längst überfälligen Besuch bei Freunden gemacht. Neben den vielen großen Dingen, die Brüssel besuchenswert machen, gab es auch ein paar kleine Dinge, die unbedingt hierher gehören:

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Körper-Radar

Jeder menschliche Körper ist von einem Radarsystem der Privatsphäre umgeben. Sobald in diesen Raum etwas Fremdes eindringt, schlägt er Alarm. Seien es Geräusche, Gerüche oder – Gott behüte! – Berührungen. Das ist vor allem überall dort gut zu beobachten, wo es eng ist, z.B. in einem Flugzeug. Besonders, wenn es so voll ist wie die Maschine, mit der ich gestern von Amsterdam nach New York geflogen bin. Aus diesem Grund bevorzuge ich immer Sitze auf der Gangseite.

Gestern saß ich in der 39. Reihe, der letzten in dieser etwas bejahrten Maschine. Der Radar meldete mir sofort, dass sich in Armlänge direkt hinter mir zwei Bordtoiletten befanden. Wenig später kamen die Bestätigungsgeräusche: das gierig krachende Schlucken der Spülung, die wohl eher eine Saugung ist. Das Entriegeln der Tür, zu früh für gewaschene Hände. Das Ritsch und Ratsch beim Öffnen und Schließen, gefolgt von einem Lungenzug, der keinen Zweifel über den Zweck dieses Besuches zuließ. Solche Eindrücke wecken den Arithmetiker in mir: 39 Reihen mit je 6 Sitzen. Die nächsten Toiletten in der Mitte und noch welche ganz vorne. Im Namen der Menschenrechte nahm ich an, dass es in der Mitte nicht nur zwei, sondern vier Toiletten gab. Selbst wenn es nur zwei gewesen sein sollten, war es immer noch vernünftig anzunehmen, dass sie doppelt so häufig benutzt wurden wie die ganz vorne und ganz hinten. Denn die Bedürfnisse der Passagiere würden sie von zwei Seiten zur Mitte treiben. So machte ich mir jedenfalls Mut zu der Annahme, dass die beiden Falttüren hinter mir von nicht mehr als einem Viertel der Passagiere geöffnet werden würden. Also 39 mal 6 geteilt durch 4. Okay, 40 mal 6 sind 240, minus 6 sind 234. Geteilt durch 4… Das ginge natürlich leichter mit 240, aber aufrunden wollte ich in diesem Fall nicht. Also 234 durch 4. Hmh, das sind (200+32+2):4… 58,5! Über 58 Lungenzüge!

Wenigstens Entwarnung neben mir. Die beiden Sitze waren leer. In der Reihe vor mir war auch noch einer frei. Das waren die letzten freien Sitze auf diesem Flug. Doch jetzt sah ich, warum sie noch nicht besetzt waren: weit vorne zwangen sich drei massige Gestalten durch den Gang nach hinten, wie Korken, die durch einen überlangen Flaschenhals mussten. Nun konnte ich sie auch hören. Überlaut. Irgendetwas aus dem Osten. Viel “sch” und viele Konsonanten. Es ist eigenartig, wie Fremde in einer Umgebung, von der sie meinen, niemand könne sie verstehen, oft einen von zwei Wegen gehen: Entweder sie unterhalten sich ungewöhnlich leise, um nicht aufzufallen, als seien sie Gäste auf einer Party, zu der sie nicht eingeladen wurden. Oder sie unterhalten sich überlaut, als mache das Unverständnis in ihrer Umgebung sie unhörbar. Die drei Korken gehörten zur letzteren Kategorie. Ihr Radar war einfach anders eingestellt. Leider galt das auch für ihre Bewegung im Raum. Reihe um Reihe strichen ihre Jacken über Haare und Haut, stießen ihre Umhängetaschen an Köpfe und Schultern. Zwei von ihnen waren älter und runder, einer jünger und größer, aber alle von geradezu kubistischen Gestalten. Die Köpfe quaderförmig, nach oben durch senkrechte Borsten logisch abgeschlossen. Direkt darunter, also ohne Hals, ein hoher, breiter Quader bei dem Jungen, niedrige, tiefe Zylinder bei den Alten. Es kam, wie es kommen musste. Die beiden Zylinder steuerten auf meine Reihe zu. Die Borsten des jungen Quaders erhoben sich bald über der Lehne vor mir, während die Zylinder sich mit viel Geschiebe, “sch”und Konsonanten am Gepäckfach zu schaffen machten. Soweit mein Sitz es zuließ, wich ich ihnen überdeutlich mit dem Oberkörper aus, wie ein Boxer beim Sparring. Menschen mit feinerem Radar hätten meine merkwürdigen Schwankungen längst zum Anlass genommen, sich zu entschuldigen und Vorsicht zumindest vorzutäuschen. Nicht so die Zylinder. Im Gegenteil. Einer überraschte mich nun damit, dass er seinen Fuß so gegen mein Bein erhob, als müsse er durch ein Gebüsch stapfen, das unten dicht ist, oben aber durchtreten werden kann. Sein staubiger Schuh streifte meine helle Lieblingshose. Mit sinnloser Ironie, die schon durch die Empörung in meiner Stimmer widerlegt wurde, schnaubte ich: “Are you trying to say that you want to move in here?” Aber der Schuhabstreifer sah mich erst gar nicht an. Dafür kommentierte der andere mit fast vorwurfsvollem Ton: “He does not speak English.” Ich klopfte mir etwas zu ausführlich die Hose ab und ließ die beiden widerwillig vorbei. Der Schuhabstreifer ging ans Fenster, der andere presste seinen Zylinder zwischen die Armlehnen des Mittelsitzes. Das ging wahrscheinlich überhaupt nur, weil der Zylinder schwitzte. Sein Hemd wurde auf den Armlehnen nach oben gestreift. Für seine Arme gab es an den Seiten keinen Platz mehr. Sie hätten ein Drittel der Nebensitze in Anspruch genommen. Stattdessen begann er Zeitung zu lesen, die Arme dabei so hoch und abgewinkelt, dass ich meinen Kopf nach hinten drücken musste, wenn ich seinen Ellenbogen nicht bis zum Zäpfchen im Rachen haben wollte. “Today’s flight time will be 7 hours and 35 minutes”, sagte die Stewardess mit der Abgeklärtheit des zweitausendsten Fluges. Ich schloss die Augen, während das Flugzeug in den Steigflug ging.

Plötzlich spürte ich einen kalten Tropfen auf dem Arm. Angewidert riss ich die Augen auf, aber der Quader starrte unbeweglich in die Zeitung. Kaum hatte ich die Augen wieder zu, traf mich der zweite Tropfen! Nun war ich zu allem bereit. Doch der Quader lächelte mich nur an und deutete halb wissend, halb belustigt nach oben. Tatsächlich! Die kalten Tropfen kamen aus einem Schlitz der Klimaanlage an der Decke.
Wasserränder bewiesen, dass dies nicht das erste Mal war. Der dritte Tropfen brachte mich auf die Idee: “Why don’t your friend and I swap seats?”, schlug ich vor, während der Borstenkopf neben mir dem Borstenkopf vor mir irgendetwas lauthals erklärte. “Yes, thank you, this is my son!” Die beiden anderen Passagiere vor mir begrüßten mich mit übertriebener Höflichkeit. Von hinten konnte ich bald das Schnarchen des Schuhabstreifers hören.



Touristischer Moment in Ottawa

Wir mussten das Land verlassen. Wenigstens für einen Moment. Denn Ende Juli wird unser Visum ablaufen. Es ließ sich zwar noch einmal um zwei Jahre verlängern, man konnte das aber nur bei einem amerikanischen Konsulat außerhalb der Staaten tun. Die für uns am nächsten gelegenen Konsulate befinden sich in Kanada: Montreal, Toronto oder Ottawa, alle ungefähr acht Autostunden entfernt. Nur in Ottawa gab es einen passenden Termin. Es war nicht unsere erste Wahl, aber wir waren angenehm überrascht.

Ottawa, Parlament

Man merkt, dass Ottawa die Hauptstadt ist. Alles wirkt irgendwie sauber, aufgeräumt, geordnet. Es gibt offensichtlich Geld zur Pflege des öffentlichen Raums. Der Stadtkern wird vom Parlamentsgebäude dominiert, das auf einem Hügel über dem Ottawa-Fluss thront und Commonwealth-Luft atmet (siehe Foto). Es gibt auch eine Reihe sehr sehenswerter Museen. Insbesondere für das Canadian Museum of Civilization sollte man sich Zeit nehmen.
Die Geschichte der kanadischen Stämme hat vielfache Zweige und geht Jahrtausende zurück. Anbei ein Foto von der mächtigen Haupthalle des Museums, in der Original-Totempfähle und -Häuser von Indianern an der Atlantikküste aufgestellt sind.

In kulinarischer Hinsicht hat uns ein Besuch auf dem schönen Byward-Markt beeindruckt. Nach einem Bummel durch die gepflegten Marktstände fanden wir dort einen feinen Fischplatz mit einem sehr feinen kanadischen Weißwein.

Canadian Museum of Civilization

Am meisten blieb mir aber ein anderer touristischer Moment in Erinnerung. Als wir vom Parlamentshügel auf den Fluss herunterschauten, raste mit hoch erigiertem Bug ein Motorrennboot vorüber. Erst von rechts nach links, dann von links nach rechts, bevor es auf der Mitte des Flusses genau unterhalb des Parlaments haltmachte. Der Fahrer des Bootes stand auf, kletterte auf der Erektion ganz nach vorne, öffnete mit dem kleinen Hüftschwung, den nur Männer verstehen, die Badehose, um eine in der Sonne glitzernde Parabel in das Gewässer zu werfen. Mit einem zweiten Hüftschwung wurde das Werkzeug verstaut, bevor sein Beifahrer ihm mit genau derselben Übung folgte. Als das Boot sich wieder mit dumpfem Röhren des Motors aus dem Wasser hob, schien das Geräusch dazu aus den offenen Mündern der Touristen auf dem Hügel zu kommen.

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Kratzen in der Karibik

Ich leide unter einem besinnungslosen Hass gegen jede Form von Stechmücken und gehöre zu den bedauernswerten Narren, die sich selbst so lange im Bett ohrfeigen, bis dieses infame Surren um die Ohren nicht mehr zu hören ist. Daher muss ich die amerikanische Gewohnheit, vor jedem Fenster und jeder Türe Fliegengitter anzubringen sehr loben. In Florida gibt es sogar viele besonnene Hausbesitzer, die ihren gesamten Swimming-Pool samt Terrasse mit solchen Vorrichtungen schützen (siehe Foto). Letztes Jahr haben wir in solch einem Haus eine großartige Woche in Ruhe und Genugtuung verbracht.

Meine Moskitophobie macht mich eigentlich weitgehend tropenuntauglich. Trotzdem sind wir dieses Jahr nach Ostern für eine Woche nach Puerto Rico geflogen. Seit dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898 gehört diese Insel zum Wirtschafts- und Währungsraum der Vereinigten Staaten, so dass dort alle typischen Einzelhandels- und Fast-Food-Ketten vertreten sind. Fliegengitter scheinen dagegen unbekannt zu sein. Wir hatten zu einem stattlichen Preis ein Haus mit Pool in der Nähe des Strandes von Dorado gemietet. Aber als einziger Schutz gegen die Blutsauger war in den Zimmern jeweils nur einer dieser Duftölkocher angebracht, die mit ihrem Gestank die Biester und mich nur aggressiver machten. Die Moskitos sind auf Puerto Rico relativ klein und langsam, so dass sich die Jagd durchaus lohnt, doch sie sind eben auch in der Überzahl. Angela und ich haben versucht, den Kampf mit Hilfe des offiziellen Getränks der Insel (Piña Colada) von innen heraus zu führen. Leider vergeblich, obwohl wir uns redlich bemüht haben. Dementsprechend waren die Nächte unruhig und die Tage aufgekratzt.

Es gab allerdings noch einen anderen Faktor, der unsere karibischen Ferien stark beeinflusste. Schon bei der Auswahl unseres Hauses war uns aufgefallen, dass dessen Stereoanlage als besonderes Merkmal in der Beschreibung hervorgehoben wurde. Vor Ort stellte sich nun heraus warum. Ohne es zu wissen, hatten wir das Haus eines puertorikanischen Popmusikers gemietet. Um den Pool herum waren vier Lautsprecher angebracht, die auf den ersten Blick wie Felsbrocken aussahen. Damit liess sich der Aussenbereich beachtlich beschallen. Natuerlich war im Haus auch die neueste Scheibe der Band des Hausherrn zu finden, und Moritz hat dafür gesorgt, dass sie vom ersten Tag an fast ununterbrochen lief: am Pool, im Haus, im Auto. Sie war aber auch im Supermarkt, im Museum oder in vorbeifahrenden Autos zu hören, denn “La Secta Allstar“, so heißt die Kapelle, ist in Puerto Rico ein echter Renner. Die Gruppe besteht schon seit 15 Jahren, musste sich allerdings mühevoll nach oben arbeiten, um erst vor kurzem so richtig erfolgreich zu werden, vor allem beim lateinamerikanischen Publikum. Wer gepflegten “Karibo-Pop” mag, der sollte sich ihre Platte “Consejo” anhören. Sie ist bei uns zum Bestandteil der Hausmusik geworden.

Natürlich gäbe es noch viel mehr von Puerto Rico zu erzählen: z. B. vom tropischen Regen, der unseren Pool zum Überlaufen brachte; vom tropischen Regenwald, in dem es fast gar nicht regnete; von einer riesigen Tropfsteinhöhle mit unterirdischem Fluss; von einer mächtigen Festung, die keine Kanone knacken konnte; von der Armut, in der fast die Hälfte der Bevoelkerung lebt; von dem beindruckend schlechten Essen oder von der Rumfabrik, die mit ihrer Werbung unser Bild von der Karibik geprägt hat. Doch dazu ist es heute zu spät. Ich habe – wie immer – viel zu viel Energie mit den Stechmücken verschwendet.



Rochester, NY

Published by in Reisen on March 5th, 2006

Rochester ist eine Stadt im Nordwesten des Staates New York, in die sich wohl nicht viele Touristen verirren werden. Es liegt am Ontario-See, nahe der Grenze zu Kanada. Im Einzugsgebiet von Rochester leben ca. 1 Mio. Menschen, die Stadt selbst hat etwa 220,000 Einwohner. Firmen wie Eastman Kodak und Xerox, aber auch gute Colleges machen Rochester zu einem Zentrum für Bildverarbeitungstechnologien. Wir haben dort ein Büro, damit wir uns besser um unseren Kunden Xerox kümmern können.

Ich hatte kürzlich zwei Tage lang in Rochester zu tun und musste also übernachten. Man hatte mir gesagt, es gebe in der City eigentlich nur ein ernst zu nehmendes Hotel, in dem ich dann auch untergebracht wurde. Ich wollte abends im Hotelzimmer noch etwas für den nächsten Tag vorbereiten, als plötzlich aus unmittelbarer Nähe merkwürdige Geräusche losbrachen. Erst nach ein paar Sekunden konnte ich identifizieren, dass es sich hier um eine Geige handelte, auf der jemand mit großer Kunstfertigkeit Neue Musik spielte. So ein Stück, das ein geübtes Ohr verlangt, um es nicht einfach für eine Vergewaltigung des Instruments zu halten. Ich ging zur Tür und streckte den Kopf hinaus, um den Geiger zu orten. Zugleich ging die Tür meines Zimmernachbarn auf. Es erschien ein mittelalter Mann, der aussah, als sei er gerade aus dem Fitnessraum gekommen. Wir sahen uns einen Augenblick lang wissend lächelnd in die Augen, bevor er freundlich erklärte: “Tomorrow is an audition.” Aha! Hier übte also jemand, weil er vorspielen musste. “My son will play, too. Clarinet!”, freute sich der Fitnessmann. “But he won’t practice tonight”, fügte er hinzu, ganz offensichtlich, um mein erschrockenes Gesicht zu glätten. Ich gratulierte, und wir zogen uns beide zurück. Wenig später legte auch der Geiger sein erschöpftes Instrument nieder.

Nun war es sehr still, so dass ich erschrak, als es plötzlich an der Tür klopfte. Draußen stand eine kleinere, schmächtigere und leicht verpickelte Ausgabe des Fitnessmanns. “I know my dad told you I wouldn’t practice. But I’d like to. Would you mind?” Mein Vortrag für den nächsten Tag war nun akut gefährdet. Aber wie hätte ich dem Jungen abschlagen können, dass er sich auf den vielleicht wichtigsten Tag seines Lebens vorbereitet? “Oh, no, I don’t mind at all”, log ich fast mühelos, “please go ahead, and good luck tomorrow!” Kurz danach waren überdeutlich erste Übungstöne zu hören. Es gab eine Durchgangstür zum Zimmer der musikbegabten Fitnessmänner, durch deren Schlüsseloch der Knabe zu blasen schien. Doch schon nach wenigen Minuten waren die Fingerübungen vorbei. Nun begann er mit seinem eigentlichen Stück und schlug mich sofort in seinen Bann. Der Junge spielte das Klarinettenkonzert von Mozart! Mit so viel Klarheit und Gefühl, dass ich fast atemlos zuhörte und unwillkürlich applaudierte, als er fertig war. “Thank you so much!” hörte ich schwach aus dem Nebenraum.

Am nächsten Morgen stiess ich beim Verlassen des Zimmers mit der Geige von gegenüber zusammen. Es handelte sich um einen überraschend großen, massigen Jugendlichen asiatischer Herkunft, der zu seinem schwarzen Outfit schwarze Cowboystiefel mit Krokolederprägung trug. Wo denn vorgespielt werde, fragte ich. “Eastman”, erwiderte er fast mitleidig. Erst später erfuhr ich, dass Rochesters “Eastman School of Music” eine der angesehensten Musikhochschulen der Welt ist. Sie wurde ursprünglich von dem Unternehmer und Musikliebhaber George Eastman eingerichtet, dem Gründer des Konzerns Eastman Kodak.

Beim Frühstück saß ich inmitten eines ganzen Orchesters junger Musiker, ihrer Instrumente und ihrer Eltern. Es war unnatürlich leise im Speisesaal, und ich spürte ein paar angewiderte Blicke von der Seite, als ich mich hungrig über Speck, Eier und Würstchen hermachte.

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“Black FM”

Wenn ich zum John F. Kennedy-Flughafen muss, nehme ich öfter einen Shuttle-Service. Das ist ein Kleinbus, der meistens 5 bis 10 Fahrgäste aus der Gegend hier einsammelt und dann an den verschiedenen Terminals der Flughäfen La Guardia und JFK abliefert.

Die Fahrer dieser Busse sind immer ein Erlebnis, aber den letzten muss ich doch hervorheben. Es war ein ungeheuer großer Schwarzer mit Baseball-Kappe und der Statur eines Schwergewichtsboxers, der beim Einladen meines Koffers einen durchaus mürrischen Eindruck machte. Ich nahm in der letzten Reihe des Busses Platz. Vor mir saßen gleichmäßig verteilt 8 weiße Männer und eine alte schwarze Frau mit Hut direkt hinter dem Boxer. Wir fuhren los, und der Fahrer stellte das Radio an – sehr laut. Es handelte sich offenbar um einen Sender für ein schwarzes Publikum, “Back FM” oder so ähnlich. Ein Rap nach dem anderen trat in einen Wettstreit mit dem dröhnenden Diesel des Gefährts.

Nach ein paar Stücken und einer Werbepause kam ein Bericht zu einem neuen Theater in New York, das nur schwarze Autoren auf die Bühne bringen sollte. Der Boxer drehte noch weiter auf. Nun war in dem Bus an nichts mehr anderes zu denken. Verärgerte Blicke der Weißen nach vorne und hinten. Die alte Frau mit Hut saß dagegen völlig unbeweglich im Schatten des Boxers.

Aus einem Geschäftsmann vor mir brach es schließlich heraus. Er hatte vergeblich versucht zu telefonieren und brüllte nun in sein Handy, dass es in diesem Bus einfach unmöglich sei sich zu unterhalten. Nickende Köpfe von den Seiten. Aber keiner richtete sich direkt an den Boxer. Sollte ich es wagen? Sollte ich dem schwarzen Riesen ins Gesicht schleudern, dass er gefälligst seinen Emanzipationssender abdrehen sollte, damit die weißen Herren ruhig weiter hinter seinem Ruecken ihren Unterdrückungsgeschäften nachgehen konnten? Ich war immer noch mit dieser Frage beschäftigt, als ich aussteigen musste. Ein Trinkgeld hat der Boxer nicht bekommen, aber die alte Frau mit Hut hat gelächelt.



© Die kleinen Dinge