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Charity

Charity heißt eigentlich Nächstenliebe, aber meistens wenn von Charities die Rede ist, meinen die Amerikaner damit Wohltätigkeitsorganisationen. Es gehört zum guten Ton, dass Unternehmen in der Weihnachtszeit Spenden für eine Holiday Charity zusammentragen. Und wenn sich irgendwelche Katastrophen ereignen, engagieren sich Unternehmen wie Privatleute gleichermaßen.

Im Verlauf dieses Jahres wurde in Amerika so viel gespendet wie noch nie: $ 1,6 Mrd. für die Tsunami-Hilfe und bisher $ 2,7 Mrd. für den Wiederaufbau nach dem Hurrikan Katrina. Umso unerträglicher war es für die Spender, dass die Behörden nach dem Sturm vor den Augen der Weltöffentlichkeit versagt haben. Katrina und die Folgen wurden hier zur größten Mediengeschichte des Jahres, und es ist noch offen, ob sich Bush von diesem Schlag erholen wird.

Bill Gates, seine Frau Melinda und Bono, der Lead-Sänger der irischen Rockgruppe U2, sind wegen ihres sozialen Engagements gerade vom Time Magazin zu Personen des Jahres 2005 gekürt worden. Die Gates Foundation hat mittlerweile eine Kapitalausstattung in der unglaublichen Höhe von $ 29 Mrd., und der Microsoft-Gründer behält deren Ausgaben persönlich im Auge. Er ist bekannt dafür, dass er soziale Probleme wie ein Ingenieur angeht und jede Art von Verschwendung verabscheut. Bono scheint vor allem ein charismatischer Typ zu sein, der schlechterdings jeden ueberzeugen kann, etwas Gutes zu tun. Mit der Ernennung wurde seine Rolle beim diesjährigen Schuldenerlass für die Armen der Welt honoriert.

Allerdings werden mir von diesem Jahr der Hilfe besonders die kleinen Initiativen in Erinnerung bleiben: clever und pragmatisch wie bei der Polizei in Port Chester oder rührend wie bei den Kindern in Rye Brook. Die Polizisten hatten sich einfach mit einem Lastwagen vor einem großen Supermarkt aufgestellt und die Einkäufer gebeten etwas von den Gütern zu spenden, die zu der Zeit besonders von den Opfern des Wirbelsturms gebraucht wurden. Als wir in den Markt gingen, war der Lastwagen fast leer. Als wir wieder herauskamen, war er fast voll. Tags darauf ging der Transport nach Süden. Ungefähr zu dieser Zeit war es auch, als wir mit den Kindern eine Runde auf dem Fahrrad durch unsere Nachbarschaft drehten. In einem Wohngebiet, in dem nur wenige Autos und noch weniger Radler zu finden sind, standen an einem immer noch sehr heißen Tag zwei Jungs mit roten Gesichtern am Straßenrand. Auf einem kleinen Tisch ein Krug mit selbst gemachter Limonade, davor ein kaum leserliches Pappschild mit der Aufschrift “Lemonade 1 $ for Katrina victims”. Die beiden mussten schon lange dort gestanden haben. Der Krug war voll, die beiden brachten kaum ein Wort heraus und die umständliche Art, mit der sie unsere Becher eingossen, legte nahe, dass wir die ersten Kunden waren. Als wir uns wieder auf den Weg machten, erschien plötzlich ihre Mutter in der Haustüre, nickte uns zu und sagte ohne Ton, mit überdeutlichen Lippenbewegungen “THANK YOU”.

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2 Responses

  1. Jörg Lenuweit says:

    Gates und Bono Männer des Jahres? Dazu hat Paul Theraux einen sehr bemerkenswerten Artikel u.a. in der SZ veröffentlicht: http://www.sueddeutsche.de/,tt5m3/kultur/artikel/607/66541/

    Vielleicht sind die beiden Buben mit der Limonade die größeren Helden.

  2. Georg Kolb says:

    In letzter Zeit hört man immer öfter, dass die meisten Entwicklungshilfeprogramme Entwicklungsländern mehr schaden als nutzen. Sogar dort, wo das erklärte Ziel ist, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, werden laut Zweifel angemeldet (vgl. z.B. zu Karlheinz Boehm: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,386561,00.html ). Die Hilfe aus dem Ausland scheint bei den korrupten Regierungen der betreffenden Länder vor allem zwei Reaktionen auszulösen: zum einen tun sie selbst nichts mehr für ihre Bevölkerung, zum anderen benutzen sie das Geld für eigene Zwecke, seien es Waffen oder Luxusspielzeuge. So weit, so schlecht. Was ist aber die Alternative? Die Antwort bleibt aus meiner Sicht auch Theraux schuldig. Der Hinweis, dass sich z.B. Malawi einfach selbst aus dem Dreck ziehen soll, so wie es Irland in Europa getan hat, ist für mich zu pauschal, um überzeugend zu sein. Ich bezweifle, dass dieser Vergleich tragfähig ist. Und die Art und Weise, wie er die Initiativen von Prominenten wie Bono und Gates als “hohle Phrasen und theatralische Gesten” denunziert, die nur dazu dienen “das eigene Image aufzupolieren”, gefällt mir auch nicht, selbst wenn beide viele Fehler machen sollten. Sicher darf man von diesen Prominenten mehr Hintergrundwissen erwarten, als von den Jungs mit der Limonade, die ihre $ 10 auch nur bei irgendeiner etablierten Organisation abgeben werden. Aber ich würde weder Gates noch Bono von vornherein absprechen, dass ihre Absicht so gut ist wie die der Limonadenverkäufer. Und ich wäre froh, wenn sich eine deutsche Publikation wie die Süddeutsche oder der Spiegel auch mit der Frage beschäfitgten, welcher deutsche Unternehmer es wohl verdient hätte, Person des Jahres zu sein, weil er Geld für einen guten Zweck einsetzt.

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