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Rochester, NY

Published by in Reisen on March 5th, 2006

Rochester ist eine Stadt im Nordwesten des Staates New York, in die sich wohl nicht viele Touristen verirren werden. Es liegt am Ontario-See, nahe der Grenze zu Kanada. Im Einzugsgebiet von Rochester leben ca. 1 Mio. Menschen, die Stadt selbst hat etwa 220,000 Einwohner. Firmen wie Eastman Kodak und Xerox, aber auch gute Colleges machen Rochester zu einem Zentrum für Bildverarbeitungstechnologien. Wir haben dort ein Büro, damit wir uns besser um unseren Kunden Xerox kümmern können.

Ich hatte kürzlich zwei Tage lang in Rochester zu tun und musste also übernachten. Man hatte mir gesagt, es gebe in der City eigentlich nur ein ernst zu nehmendes Hotel, in dem ich dann auch untergebracht wurde. Ich wollte abends im Hotelzimmer noch etwas für den nächsten Tag vorbereiten, als plötzlich aus unmittelbarer Nähe merkwürdige Geräusche losbrachen. Erst nach ein paar Sekunden konnte ich identifizieren, dass es sich hier um eine Geige handelte, auf der jemand mit großer Kunstfertigkeit Neue Musik spielte. So ein Stück, das ein geübtes Ohr verlangt, um es nicht einfach für eine Vergewaltigung des Instruments zu halten. Ich ging zur Tür und streckte den Kopf hinaus, um den Geiger zu orten. Zugleich ging die Tür meines Zimmernachbarn auf. Es erschien ein mittelalter Mann, der aussah, als sei er gerade aus dem Fitnessraum gekommen. Wir sahen uns einen Augenblick lang wissend lächelnd in die Augen, bevor er freundlich erklärte: “Tomorrow is an audition.” Aha! Hier übte also jemand, weil er vorspielen musste. “My son will play, too. Clarinet!”, freute sich der Fitnessmann. “But he won’t practice tonight”, fügte er hinzu, ganz offensichtlich, um mein erschrockenes Gesicht zu glätten. Ich gratulierte, und wir zogen uns beide zurück. Wenig später legte auch der Geiger sein erschöpftes Instrument nieder.

Nun war es sehr still, so dass ich erschrak, als es plötzlich an der Tür klopfte. Draußen stand eine kleinere, schmächtigere und leicht verpickelte Ausgabe des Fitnessmanns. “I know my dad told you I wouldn’t practice. But I’d like to. Would you mind?” Mein Vortrag für den nächsten Tag war nun akut gefährdet. Aber wie hätte ich dem Jungen abschlagen können, dass er sich auf den vielleicht wichtigsten Tag seines Lebens vorbereitet? “Oh, no, I don’t mind at all”, log ich fast mühelos, “please go ahead, and good luck tomorrow!” Kurz danach waren überdeutlich erste Übungstöne zu hören. Es gab eine Durchgangstür zum Zimmer der musikbegabten Fitnessmänner, durch deren Schlüsseloch der Knabe zu blasen schien. Doch schon nach wenigen Minuten waren die Fingerübungen vorbei. Nun begann er mit seinem eigentlichen Stück und schlug mich sofort in seinen Bann. Der Junge spielte das Klarinettenkonzert von Mozart! Mit so viel Klarheit und Gefühl, dass ich fast atemlos zuhörte und unwillkürlich applaudierte, als er fertig war. “Thank you so much!” hörte ich schwach aus dem Nebenraum.

Am nächsten Morgen stiess ich beim Verlassen des Zimmers mit der Geige von gegenüber zusammen. Es handelte sich um einen überraschend großen, massigen Jugendlichen asiatischer Herkunft, der zu seinem schwarzen Outfit schwarze Cowboystiefel mit Krokolederprägung trug. Wo denn vorgespielt werde, fragte ich. “Eastman”, erwiderte er fast mitleidig. Erst später erfuhr ich, dass Rochesters “Eastman School of Music” eine der angesehensten Musikhochschulen der Welt ist. Sie wurde ursprünglich von dem Unternehmer und Musikliebhaber George Eastman eingerichtet, dem Gründer des Konzerns Eastman Kodak.

Beim Frühstück saß ich inmitten eines ganzen Orchesters junger Musiker, ihrer Instrumente und ihrer Eltern. Es war unnatürlich leise im Speisesaal, und ich spürte ein paar angewiderte Blicke von der Seite, als ich mich hungrig über Speck, Eier und Würstchen hermachte.

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