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Krisenbrötchen

In Neuss versteht man es Brötchen zu backen. Nicht zu hell und nicht zu dunkel. Die Hülle knusprig, aber nicht so hart, dass Verletzungsgefahr bestünde. Innen so fleischig, dass genau die richtige Mischung von Widerstand und Nachgiebigkeit zu spüren ist, wenn man die Zähne darin versenkt. Und es gibt so viele Bäckereien, dass auch an trüben Wintermorgen keine zu weit entfernt ist. Das habe ich genossen, seitdem wir hier wohnen. So weit, so gut. Dann kam die Krise.

krisenbrotchenDie Qualität der Brötchen hat zwar seither nicht nachgelassen, und auch die Preise sind angesichts des scharfen Wettbewerbs stabil geblieben. Aber unser Hausbäcker betreibt seither eine konsequente Verkleinerungsstrategie. Heute morgen hat diese Entwicklung einen Punkt erreicht, den ich hier zu Protokoll geben muss (siehe Bild). Der Diminutiv von Brot reicht nicht mehr aus, um dieses Mahnmal der Rezession zu beschreiben. Das ist kein Brötchen, bestenfalls ein Brötelchen.  Da ich kurzsichtig bin, kann ich es zwar noch sehen, aber die gesamte Choreografie des Schmierens kommt durcheinander, wenn die Maßstäbe einfach nicht mehr stimmen. In der Sprache des Modelleisenbahners ist das etwa so, also würde ein HO-Männchen versuchen, ein Spur N-Brötchen zu bestreichen. Wenn du das Brötchen festhälst, reichen deine Finger auf der Rückseite weiter nach unten als sonst. Gleichzeitig durchstößt du den Laib mit dem Messer auf der Vorderseite mit dem gleichen Vortrieb, wie du es gewohnt bist und schneidest dir so in die unvorbereiteten Finger auf der Rückseite. Ist es dann erstmal beschmiert, fällt es dir dauernd aus der Hand, weil deine Feinmotorik am Morgen noch gar nicht ausreicht, um so kleine Flächen zielgenau zu bestreichen. Also ist die Butter auch auf deinen Fingern und dann auf der Zeitung. Ich denke, ich werde diesem Bäcker einen Vorschlag zur Diversifizierung seines Geschäftsmodells machen: soll er doch neben seinem Laden ein Pinzettengeschäft eröffnen, damit die Kunden die Hilfe bekommen, die sie beim Verzehr seiner Krisenbrötchen demnächst brauchen werden.

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