Doggy Barcelona 08028

2003 hatte Carla zu ihrer Geburt ein Kuscheltier bekommen, ein Hündchen, das während der Amerikajahre auf den einfachen Namen “Doggy” getauft wurde. Ohne Doggy kann Carla bis heute nicht einschlafen, und ohne Doggy geht sie nicht auf die Reise. Für mich war Doggy immer männlich. Das lag auch daran, dass immer davon die Rede war, dass “der Doggy nicht zu finden” war oder es “dem Doggy nicht gut ging”. Daher war ich etwas irritiert, als Carla vor etwa einem Jahr damit anfing, Doggy Kleider anzuziehen. Sie behauptet, Doggy sei ein Mädchen, für mich ist er eine Drag Queen. Wie auch immer. In Doggys Kleidern spiegelt sich, was Carla gerade macht oder erfährt. Wenn Carla ins Bett geht, trägt Doggy z.B. ein Nachthemd.

Nun waren wir ein paar Tage in Barcelona, und Carla hat dort eine kleine Bilderserie mit Doggy angefertigt, in der sich Eindrücke von unserem Aufenthalt widerspiegeln. Mein Lieblingbild aus der Sequenz zeigt Doggy auf dem Boden sitzend, mit verschämtem Blick, denn er hat den Badeanzug schon aus-, aber das Kleid noch nicht angezogen.

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Krisenbrötchen

In Neuss versteht man es Brötchen zu backen. Nicht zu hell und nicht zu dunkel. Die Hülle knusprig, aber nicht so hart, dass Verletzungsgefahr bestünde. Innen so fleischig, dass genau die richtige Mischung von Widerstand und Nachgiebigkeit zu spüren ist, wenn man die Zähne darin versenkt. Und es gibt so viele Bäckereien, dass auch an trüben Wintermorgen keine zu weit entfernt ist. Das habe ich genossen, seitdem wir hier wohnen. So weit, so gut. Dann kam die Krise.

krisenbrotchenDie Qualität der Brötchen hat zwar seither nicht nachgelassen, und auch die Preise sind angesichts des scharfen Wettbewerbs stabil geblieben. Aber unser Hausbäcker betreibt seither eine konsequente Verkleinerungsstrategie. Heute morgen hat diese Entwicklung einen Punkt erreicht, den ich hier zu Protokoll geben muss (siehe Bild). Der Diminutiv von Brot reicht nicht mehr aus, um dieses Mahnmal der Rezession zu beschreiben. Das ist kein Brötchen, bestenfalls ein Brötelchen.  Da ich kurzsichtig bin, kann ich es zwar noch sehen, aber die gesamte Choreografie des Schmierens kommt durcheinander, wenn die Maßstäbe einfach nicht mehr stimmen. In der Sprache des Modelleisenbahners ist das etwa so, also würde ein HO-Männchen versuchen, ein Spur N-Brötchen zu bestreichen. Wenn du das Brötchen festhälst, reichen deine Finger auf der Rückseite weiter nach unten als sonst. Gleichzeitig durchstößt du den Laib mit dem Messer auf der Vorderseite mit dem gleichen Vortrieb, wie du es gewohnt bist und schneidest dir so in die unvorbereiteten Finger auf der Rückseite. Ist es dann erstmal beschmiert, fällt es dir dauernd aus der Hand, weil deine Feinmotorik am Morgen noch gar nicht ausreicht, um so kleine Flächen zielgenau zu bestreichen. Also ist die Butter auch auf deinen Fingern und dann auf der Zeitung. Ich denke, ich werde diesem Bäcker einen Vorschlag zur Diversifizierung seines Geschäftsmodells machen: soll er doch neben seinem Laden ein Pinzettengeschäft eröffnen, damit die Kunden die Hilfe bekommen, die sie beim Verzehr seiner Krisenbrötchen demnächst brauchen werden.

Brüssel

Brüssel liegt tatsächlich nur zwei Autostunden von Düsseldorf entfernt, und letztes Wochenende haben wir dort einen längst überfälligen Besuch bei Freunden gemacht. Neben den vielen großen Dingen, die Brüssel besuchenswert machen, gab es auch ein paar kleine Dinge, die unbedingt hierher gehören:

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Im Aquarium der Rechtsanwälte

Published by in Büro on August 11th, 2008

Unser Bürogebäude liegt gegenüber einem anderen Bürogebäude. Dessen Wände sind weitgehend verglast, nur zwischen den Stockwerken liegen dickere Balken. Das sehe ich also, wenn ich aus dem Fenster schaue. Ich schaue recht häufig aus dem Fenster, vor allem, wenn ich über etwas nachdenken muss. Und ich muss recht häufig über etwas nachdenken, denn dafür werde ich bezahlt.

Die Gleichmäßigkeit dieser Fensterfront hat etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Dazu gehört auch, dass sie sich im Innern des Gebäudes fortsetzt. Die Tische, die Stühle, die Leuchten, die Wände, alles fügt sich zu einem homogenen Gewebe. Nur einige blasse Farbtupfer ziehen ab und zu gemächlich von links nach rechts und von rechts nach links. Ein zartes Blau, ein wenig Rosa und viel Weiß. Das sind die Hemden der Herren, die dort ihre Arbeit verrichten. Man hat mir erzählt, es handle sich um Rechtsanwälte.

Im Allgemeinen geht alles seinen ruhigen Gang, und das ist gut so. Nur manchmal erwecken kleine Unregelmäßigkeiten meine Aufmerksamkeit. So war es z.B. am Morgen nach dem Halbfinale. Ein etwas steifer Herr auf einer der oberen Etagen kam gleich zu Beginn des Tages von seinem üblichen Weg ab, der sonst ein gleichschenkliges Dreieck zwischen Tisch, Regal und Tür beschreibt. Mit eckigen Bewegungen näherte er sich seinem Schreibtisch von hinten, um von dort aus ebenso umständlich wie sorgfältig ein Fähnchen an seinem Computerbildschirm zu befestigen. Noch eine kurze Sichtprüfung der Knotenpunkte Regal, Tisch und Tür, dann begann sein Tag mit dem Lächeln desjenigen, der eins mit sich ist.

Auf den unteren Stockwerken litt kürzlich einer seiner Kollegen auf sympathische Weise unter der brütenden Hitze, die manchmal auch über Düsseldorf liegt. Gegen drei Uhr nachmittags – offensichtlich im Kampf mit einem anstrengenden Schriftsatz – versuchte er sich etwas Erleichterung zu verschaffen. In der Hoffnung auf einen kühlenden Luftzug öffnete er sein großes Fenster, lehnte sich in seinem Bürosessel mit hoher Lehne zurück, die Beine auf den Schreibtisch, den Schriftsatz in den Schoß. Für ein paar Minuten lächelte er entspannt in den Schriftsatz hinein. Aber mit zunehmender Entspannung kippte sein Kopf langsam nach hinten. Der Mund öffnete sich allmählich wie bei einem Karpfen, dann zehn Minuten seliger Schlaf. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Karpfenmund zwar gut aussieht, aber relativ schnell die Atmung behindert, so dass der Schläfer zumeist ruckartig in das Wachbewusstsein zurückgeholt wird. So auch mein Rechtsanwalt. Plötzlich nach vorne geworfen, der trockene Mund in aufgeregtem Auf und Zu, suchte er nach einer neuen stabilen Lage und fand sie in einer Rodins Denker nicht unähnlichen Position. Dort verharrte er unbeweglich wie Bronze, bis ich mir selbst einen Kaffee holen musste.

Unser Büro hat übrigens auch große Fenster, die sich in schöner Gleichmäßigkeit über die Fassade verteilen. Ich sitze also selbst im Aquarium der Rechtsanwälte. Worüber auf deren Blogs wahrscheinlich schon längst gelacht wird!

Nischenmarketing

Ich muss noch einen Nachtrag zum Einbruch in unser Auto machen, den ich schon längst loswerden wollte. Die Fahrerscheibe unseres Wagens war ja zerbrochen und sollte natürlich schnell ersetzt werden. Erfreulicherweise bekam ich gleich am Tag nach dem Vorfall einen Termin in unserer Autowerkstatt. So kurzfristig waren dort allerdings keine Leihwagen verfügbar. Also wurde eine nahe gelegene Autovermietung damit beauftragt mich von der Werkstatt abzuholen. Es kam ein junger Mensch in verknittertem weißem Hemd, Krawatte und einer leicht speckigen Anzugshose und dirigierte mich in einen riesigen Pickup-Truck, mit dem er mich zur Mietstation brachte. Unterwegs erzählte ich ihm die Einbruchsgeschichte, die er mit viel Interesse und Gelächter aufnahm. Zwischendurch fragte er beiläufig: “How do you like this truck?” Ich sagte etwas unverbindlich Freundliches von Hoch-oben-Sitzen und viel Platz, worauf er begeistert antwortete: “That’s great, because this is yours. It’s the only one we’ve left today!” That’s great, aber wie bringe ich Angela bei, dass sie mit diesem Monstrum heute zum Einkaufen fahren muss?

Die Mietstation war schmucklos bis zur Schwelle der Schäbigkeit. Auf einem kratzigen Industrieteppichboden waren einige Schreibtische ohne jeden Zusammenhang im Raum verteilt. Vorne eine Theke mit der Leuchtreklame der Mietwagenkette, deren grünliches Licht zur Schummrigkeit der gesamten Situation passte.


Während ich gelangweilt auf meinen Mietvertrag wartete, fiel mein Blick auf eine Tafel hinter der Theke, auf der mit blauem Filzstift folgendes Angebot aufgemalt war: “Socks & Sandals Saturday 2 % off”. Zur Illustration zwei haarige Beine in Strümpfen mit Sandalen. Ich rieb mir die Augen und sagte zu meinem Agenten: “Interesting marketing initiative. I think you will own this segment of the car rental market!” “Oh, yeah!”, antwortete der Mann mit dem verknitterten Hemd und deutete mit dem Kopf auf einen stiernackigen, nach vorne gebeugten Herrn im Halbdunkel am Ende des Raums, “our manager is very excited about this!”

“Joy in Düsseldorf”

Nun ist es also soweit. Wir ziehen von New York nach Düsseldorf. Genauer gesagt von Rye Brook, einem Ort an der Grenze zu Connecticut, nach Neuss, einem Ort, der Düsseldorf auf der anderen Rheinseite gegenüberliegt. Das ist natürlich eine große Sache und gehört als solche eigentlich nicht hierher. Aber ich will doch von zwei Kleinigkeiten berichten, die mir bei diesem Kraftakt Mut gemacht haben.

Zum einen hat mir der erfrischende Optimismus unserer amerikanischen Freunde geholfen. Als wir ihnen zum ersten Mal von unseren Umzugsplänen erzählten, bedauerten sie es natürlich und betonten, wie sehr sie uns vermissen würden. Sie hielten sich jedoch nicht lange mit weiterem Bedauern auf, sondern meinten gleich, dass Veränderung immer gut sei, “change is always good”. “Naja”, sagte Angela, “das kommt auf die Veränderung an”. Doch genau diese Einschränkung machten unsere Freunde nicht. Für sie war es vielmehr eine Frage der Einstellung. Wenn ein Weg nicht weiterführt, dann betrachten sie ihn nicht als Sackgasse, sondern vor allem als Gelegenheit, neue Wege zu entdecken. Ihr Blick geht immer nach vorne, nicht zurück. Als wir sie z.B. zu unserer Abschiedsfeier einluden, schlug ein Freund vor, statt von einer “farewell party” sollten wir doch lieber von einer “see you soon party” sprechen. Und zur Feier selbst brachten sie einen Kuchen mit, auf dem sozusagen programmatisch “Joy in Düsseldorf” stand. Das ist das Ziel, und darauf sollten wir unsere Energie richten, nicht auf die Dinge, die wir vermissen werden, und auch nicht auf die Umwege, die vielleicht dorthin führen. Diese Lektion gehört vielleicht zu den besten Dingen, die wir aus Amerika zurück nach Deutschland bringen.

Es war natürlich eine andere Frage, ob unsere Kinder das auch so sehen würden. Insbesondere bei Carla, die bald fünf Jahre alt sein wird, hatte ich befürchtet, dass ihr einfach eine Vorstellung davon fehlt, was ihr jetzt bevorsteht. Als wir in Amerika ankamen, war sie gerade ein Jahr alt. Umso überraschter war ich, als sie vor ein paar Tagen, während gerade unsere Sachen eingepackt wurden, mit nebenstehendem Gemälde ankam. Auf den zweiten Blick ist völlig klar, worum es geht. Wir sehen hier die Erde. Auf dem rosa Kontinent links oben befindet sich der Kringel New Yorks, darin der etwas kleinere Kringel Rye Brooks. Dort haben wir also bislang gelebt. Auf dem Weg zu unserem neuen Wohnort müssen wir das blaue Meer in der Mitte überqueren, Düsseldorf ist rechts unten durch ein Zielkreuz markiert. Alles wird gut. Looking forward to the joy in Düsseldorf.

Marketing und Wahrheit

Sie sind selten. Aber es gibt Momente, wo Marketing und Wahrheit in kosmischem Einklang stehen. Folgendes Belohnungszertifikat hat Angela von dem amerikanischen Schuhkaufhaus DSW erhalten.

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Körper-Radar

Jeder menschliche Körper ist von einem Radarsystem der Privatsphäre umgeben. Sobald in diesen Raum etwas Fremdes eindringt, schlägt er Alarm. Seien es Geräusche, Gerüche oder – Gott behüte! – Berührungen. Das ist vor allem überall dort gut zu beobachten, wo es eng ist, z.B. in einem Flugzeug. Besonders, wenn es so voll ist wie die Maschine, mit der ich gestern von Amsterdam nach New York geflogen bin. Aus diesem Grund bevorzuge ich immer Sitze auf der Gangseite.

Gestern saß ich in der 39. Reihe, der letzten in dieser etwas bejahrten Maschine. Der Radar meldete mir sofort, dass sich in Armlänge direkt hinter mir zwei Bordtoiletten befanden. Wenig später kamen die Bestätigungsgeräusche: das gierig krachende Schlucken der Spülung, die wohl eher eine Saugung ist. Das Entriegeln der Tür, zu früh für gewaschene Hände. Das Ritsch und Ratsch beim Öffnen und Schließen, gefolgt von einem Lungenzug, der keinen Zweifel über den Zweck dieses Besuches zuließ. Solche Eindrücke wecken den Arithmetiker in mir: 39 Reihen mit je 6 Sitzen. Die nächsten Toiletten in der Mitte und noch welche ganz vorne. Im Namen der Menschenrechte nahm ich an, dass es in der Mitte nicht nur zwei, sondern vier Toiletten gab. Selbst wenn es nur zwei gewesen sein sollten, war es immer noch vernünftig anzunehmen, dass sie doppelt so häufig benutzt wurden wie die ganz vorne und ganz hinten. Denn die Bedürfnisse der Passagiere würden sie von zwei Seiten zur Mitte treiben. So machte ich mir jedenfalls Mut zu der Annahme, dass die beiden Falttüren hinter mir von nicht mehr als einem Viertel der Passagiere geöffnet werden würden. Also 39 mal 6 geteilt durch 4. Okay, 40 mal 6 sind 240, minus 6 sind 234. Geteilt durch 4… Das ginge natürlich leichter mit 240, aber aufrunden wollte ich in diesem Fall nicht. Also 234 durch 4. Hmh, das sind (200+32+2):4… 58,5! Über 58 Lungenzüge!

Wenigstens Entwarnung neben mir. Die beiden Sitze waren leer. In der Reihe vor mir war auch noch einer frei. Das waren die letzten freien Sitze auf diesem Flug. Doch jetzt sah ich, warum sie noch nicht besetzt waren: weit vorne zwangen sich drei massige Gestalten durch den Gang nach hinten, wie Korken, die durch einen überlangen Flaschenhals mussten. Nun konnte ich sie auch hören. Überlaut. Irgendetwas aus dem Osten. Viel “sch” und viele Konsonanten. Es ist eigenartig, wie Fremde in einer Umgebung, von der sie meinen, niemand könne sie verstehen, oft einen von zwei Wegen gehen: Entweder sie unterhalten sich ungewöhnlich leise, um nicht aufzufallen, als seien sie Gäste auf einer Party, zu der sie nicht eingeladen wurden. Oder sie unterhalten sich überlaut, als mache das Unverständnis in ihrer Umgebung sie unhörbar. Die drei Korken gehörten zur letzteren Kategorie. Ihr Radar war einfach anders eingestellt. Leider galt das auch für ihre Bewegung im Raum. Reihe um Reihe strichen ihre Jacken über Haare und Haut, stießen ihre Umhängetaschen an Köpfe und Schultern. Zwei von ihnen waren älter und runder, einer jünger und größer, aber alle von geradezu kubistischen Gestalten. Die Köpfe quaderförmig, nach oben durch senkrechte Borsten logisch abgeschlossen. Direkt darunter, also ohne Hals, ein hoher, breiter Quader bei dem Jungen, niedrige, tiefe Zylinder bei den Alten. Es kam, wie es kommen musste. Die beiden Zylinder steuerten auf meine Reihe zu. Die Borsten des jungen Quaders erhoben sich bald über der Lehne vor mir, während die Zylinder sich mit viel Geschiebe, “sch”und Konsonanten am Gepäckfach zu schaffen machten. Soweit mein Sitz es zuließ, wich ich ihnen überdeutlich mit dem Oberkörper aus, wie ein Boxer beim Sparring. Menschen mit feinerem Radar hätten meine merkwürdigen Schwankungen längst zum Anlass genommen, sich zu entschuldigen und Vorsicht zumindest vorzutäuschen. Nicht so die Zylinder. Im Gegenteil. Einer überraschte mich nun damit, dass er seinen Fuß so gegen mein Bein erhob, als müsse er durch ein Gebüsch stapfen, das unten dicht ist, oben aber durchtreten werden kann. Sein staubiger Schuh streifte meine helle Lieblingshose. Mit sinnloser Ironie, die schon durch die Empörung in meiner Stimmer widerlegt wurde, schnaubte ich: “Are you trying to say that you want to move in here?” Aber der Schuhabstreifer sah mich erst gar nicht an. Dafür kommentierte der andere mit fast vorwurfsvollem Ton: “He does not speak English.” Ich klopfte mir etwas zu ausführlich die Hose ab und ließ die beiden widerwillig vorbei. Der Schuhabstreifer ging ans Fenster, der andere presste seinen Zylinder zwischen die Armlehnen des Mittelsitzes. Das ging wahrscheinlich überhaupt nur, weil der Zylinder schwitzte. Sein Hemd wurde auf den Armlehnen nach oben gestreift. Für seine Arme gab es an den Seiten keinen Platz mehr. Sie hätten ein Drittel der Nebensitze in Anspruch genommen. Stattdessen begann er Zeitung zu lesen, die Arme dabei so hoch und abgewinkelt, dass ich meinen Kopf nach hinten drücken musste, wenn ich seinen Ellenbogen nicht bis zum Zäpfchen im Rachen haben wollte. “Today’s flight time will be 7 hours and 35 minutes”, sagte die Stewardess mit der Abgeklärtheit des zweitausendsten Fluges. Ich schloss die Augen, während das Flugzeug in den Steigflug ging.

Plötzlich spürte ich einen kalten Tropfen auf dem Arm. Angewidert riss ich die Augen auf, aber der Quader starrte unbeweglich in die Zeitung. Kaum hatte ich die Augen wieder zu, traf mich der zweite Tropfen! Nun war ich zu allem bereit. Doch der Quader lächelte mich nur an und deutete halb wissend, halb belustigt nach oben. Tatsächlich! Die kalten Tropfen kamen aus einem Schlitz der Klimaanlage an der Decke.
Wasserränder bewiesen, dass dies nicht das erste Mal war. Der dritte Tropfen brachte mich auf die Idee: “Why don’t your friend and I swap seats?”, schlug ich vor, während der Borstenkopf neben mir dem Borstenkopf vor mir irgendetwas lauthals erklärte. “Yes, thank you, this is my son!” Die beiden anderen Passagiere vor mir begrüßten mich mit übertriebener Höflichkeit. Von hinten konnte ich bald das Schnarchen des Schuhabstreifers hören.

Ein David-Lynch-Moment

Published by in Momente on April 24th, 2008

Die Filme des großartigen Regisseurs David Lynch sind unter anderem deshalb so beunruhigend, weil sie die Abgründe aufzeigen, die plötzlich im Alltäglichen aufklaffen können. In der Eröffnungsszene von Blue Velvet taucht die Kamera z. B. in eine amerikanische Vorstadtlandschaft ein, die geradezu unwirklich aufgeräumt und poliert zu sein scheint. Sie wandert über makellose Häuser, Blumen und Zäune, bis sie auf einem der makellosen Rasen ein abgeschnittenes menschliches Ohr findet.

Wir wohnen in so einer Vorstadt. Und heute war ein sonniger Frühlingstag, der das richtig zur Geltung brachte. Überall üppig blühende Bäume auf Wiesen, die nach der Frühjahrsreinigung der Landschaftsgärtner so aussehen, als würden sie mit der Genauigkeit einer Nagelschere gepflegt. Angela, Carla und ich verließen gerade bei bester Stimmung eine Filiale der Großhandelskette Costco, als ich sah, dass unser Auto auf dem Parkplatz merkwürdig schwankte. Ein massiger Typ versuchte mitten auf dem belebten Parkplatz im strahlenden Mittagslicht in die Fahrertüre einzubrechen! Mit der Idiotie, die wir gelegentlich angesichts des Unglaublichen zeigen, rief ich ihm zu: “What are you doing?” Er antwortete ebenso idiotisch: “Nothing happened!” und entfernte sich zügig, aber unaufgeregt, von unserem Fahrzeug.

Nun konnte ich die Risse in der Fensterscheibe sehen. Das musste einen Testosteronstoß ausgelöst haben, denn ich fing plötzlich an, den Einbrecher zu verfolgen. Er setzte sich daraufhin auch in Trab, allerdings nicht sehr schnell. Es handelte sich um einen eher schwerfälligen Mann von vielleicht Anfang Fünfzig. Nach einem halben Block hatte ich ihn eingeholt. Worauf er unter seinem riesigen T-Shirt zum Gürtel fasste und ankündigte: “I’ll pull a gun on you!” Übersetzt heißt das ungefähr: “Was glaubst du eigentlich, was du hier machst, Blödmann?” Eine gute Frage. Während ich über die Antwort nachdachte, kletterte der Einbrecher über einen Zaun und verschwand hinter einem schäbigen Appartment-Haus aus braunen Ziegeln.

“Why don’t you call the cops?”, schlug nun ein Latino vor, dessen verschwitztes Gesicht langsam in einem alten Van vorüberrollte. Auch ein guter Punkt, aber natürlich hatte ich gerade in diesem Moment kein Mobiltelefon bei mir. Also schnell zurück zu Angela und Carla! Während ich zurückrannte, konnte ich schon Sirenen hören und mehrere Polizeiwagen sehen, einer davon fuhr direkt hinter mir her. Als ich ankam, hörte ich aus einem der Polizeiautos eine Durchsage des Polizeifunks: “White male, green shirt, glasses with black frame, running across Costco parking lot.” Ha, sie verfolgten den Falschen, der Täter war nämlich ein Schwarzer! Hinter mir öffneten sich Autotüren. “Oh, no, officer, it wasn’t me, I’m the OWNER of the damaged vehicle!” Unter der wachsenden Gruppe von Polizeibeamten befand sich nun auch ein Detective, der meinte, vielleicht habe Costco Überwachungskameras, auf denen der Vorfall aufgezeichnet wurde. Ansonsten sei es das gewesen. Officer Ceccarelli würde einen Bericht verfassen, den wir in drei Tagen auf der Wache abholen könnten. “Have a good day!”

Touristischer Moment in Ottawa

Wir mussten das Land verlassen. Wenigstens für einen Moment. Denn Ende Juli wird unser Visum ablaufen. Es ließ sich zwar noch einmal um zwei Jahre verlängern, man konnte das aber nur bei einem amerikanischen Konsulat außerhalb der Staaten tun. Die für uns am nächsten gelegenen Konsulate befinden sich in Kanada: Montreal, Toronto oder Ottawa, alle ungefähr acht Autostunden entfernt. Nur in Ottawa gab es einen passenden Termin. Es war nicht unsere erste Wahl, aber wir waren angenehm überrascht.

Ottawa, Parlament

Man merkt, dass Ottawa die Hauptstadt ist. Alles wirkt irgendwie sauber, aufgeräumt, geordnet. Es gibt offensichtlich Geld zur Pflege des öffentlichen Raums. Der Stadtkern wird vom Parlamentsgebäude dominiert, das auf einem Hügel über dem Ottawa-Fluss thront und Commonwealth-Luft atmet (siehe Foto). Es gibt auch eine Reihe sehr sehenswerter Museen. Insbesondere für das Canadian Museum of Civilization sollte man sich Zeit nehmen.
Die Geschichte der kanadischen Stämme hat vielfache Zweige und geht Jahrtausende zurück. Anbei ein Foto von der mächtigen Haupthalle des Museums, in der Original-Totempfähle und -Häuser von Indianern an der Atlantikküste aufgestellt sind.

In kulinarischer Hinsicht hat uns ein Besuch auf dem schönen Byward-Markt beeindruckt. Nach einem Bummel durch die gepflegten Marktstände fanden wir dort einen feinen Fischplatz mit einem sehr feinen kanadischen Weißwein.

Canadian Museum of Civilization

Am meisten blieb mir aber ein anderer touristischer Moment in Erinnerung. Als wir vom Parlamentshügel auf den Fluss herunterschauten, raste mit hoch erigiertem Bug ein Motorrennboot vorüber. Erst von rechts nach links, dann von links nach rechts, bevor es auf der Mitte des Flusses genau unterhalb des Parlaments haltmachte. Der Fahrer des Bootes stand auf, kletterte auf der Erektion ganz nach vorne, öffnete mit dem kleinen Hüftschwung, den nur Männer verstehen, die Badehose, um eine in der Sonne glitzernde Parabel in das Gewässer zu werfen. Mit einem zweiten Hüftschwung wurde das Werkzeug verstaut, bevor sein Beifahrer ihm mit genau derselben Übung folgte. Als das Boot sich wieder mit dumpfem Röhren des Motors aus dem Wasser hob, schien das Geräusch dazu aus den offenen Mündern der Touristen auf dem Hügel zu kommen.

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