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Kratzen in der Karibik

Ich leide unter einem besinnungslosen Hass gegen jede Form von Stechmücken und gehöre zu den bedauernswerten Narren, die sich selbst so lange im Bett ohrfeigen, bis dieses infame Surren um die Ohren nicht mehr zu hören ist. Daher muss ich die amerikanische Gewohnheit, vor jedem Fenster und jeder Türe Fliegengitter anzubringen sehr loben. In Florida gibt es sogar viele besonnene Hausbesitzer, die ihren gesamten Swimming-Pool samt Terrasse mit solchen Vorrichtungen schützen (siehe Foto). Letztes Jahr haben wir in solch einem Haus eine großartige Woche in Ruhe und Genugtuung verbracht.

Meine Moskitophobie macht mich eigentlich weitgehend tropenuntauglich. Trotzdem sind wir dieses Jahr nach Ostern für eine Woche nach Puerto Rico geflogen. Seit dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898 gehört diese Insel zum Wirtschafts- und Währungsraum der Vereinigten Staaten, so dass dort alle typischen Einzelhandels- und Fast-Food-Ketten vertreten sind. Fliegengitter scheinen dagegen unbekannt zu sein. Wir hatten zu einem stattlichen Preis ein Haus mit Pool in der Nähe des Strandes von Dorado gemietet. Aber als einziger Schutz gegen die Blutsauger war in den Zimmern jeweils nur einer dieser Duftölkocher angebracht, die mit ihrem Gestank die Biester und mich nur aggressiver machten. Die Moskitos sind auf Puerto Rico relativ klein und langsam, so dass sich die Jagd durchaus lohnt, doch sie sind eben auch in der Überzahl. Angela und ich haben versucht, den Kampf mit Hilfe des offiziellen Getränks der Insel (Piña Colada) von innen heraus zu führen. Leider vergeblich, obwohl wir uns redlich bemüht haben. Dementsprechend waren die Nächte unruhig und die Tage aufgekratzt.

Es gab allerdings noch einen anderen Faktor, der unsere karibischen Ferien stark beeinflusste. Schon bei der Auswahl unseres Hauses war uns aufgefallen, dass dessen Stereoanlage als besonderes Merkmal in der Beschreibung hervorgehoben wurde. Vor Ort stellte sich nun heraus warum. Ohne es zu wissen, hatten wir das Haus eines puertorikanischen Popmusikers gemietet. Um den Pool herum waren vier Lautsprecher angebracht, die auf den ersten Blick wie Felsbrocken aussahen. Damit liess sich der Aussenbereich beachtlich beschallen. Natuerlich war im Haus auch die neueste Scheibe der Band des Hausherrn zu finden, und Moritz hat dafür gesorgt, dass sie vom ersten Tag an fast ununterbrochen lief: am Pool, im Haus, im Auto. Sie war aber auch im Supermarkt, im Museum oder in vorbeifahrenden Autos zu hören, denn “La Secta Allstar“, so heißt die Kapelle, ist in Puerto Rico ein echter Renner. Die Gruppe besteht schon seit 15 Jahren, musste sich allerdings mühevoll nach oben arbeiten, um erst vor kurzem so richtig erfolgreich zu werden, vor allem beim lateinamerikanischen Publikum. Wer gepflegten “Karibo-Pop” mag, der sollte sich ihre Platte “Consejo” anhören. Sie ist bei uns zum Bestandteil der Hausmusik geworden.

Natürlich gäbe es noch viel mehr von Puerto Rico zu erzählen: z. B. vom tropischen Regen, der unseren Pool zum Überlaufen brachte; vom tropischen Regenwald, in dem es fast gar nicht regnete; von einer riesigen Tropfsteinhöhle mit unterirdischem Fluss; von einer mächtigen Festung, die keine Kanone knacken konnte; von der Armut, in der fast die Hälfte der Bevoelkerung lebt; von dem beindruckend schlechten Essen oder von der Rumfabrik, die mit ihrer Werbung unser Bild von der Karibik geprägt hat. Doch dazu ist es heute zu spät. Ich habe – wie immer – viel zu viel Energie mit den Stechmücken verschwendet.



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