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Nischenmarketing

Ich muss noch einen Nachtrag zum Einbruch in unser Auto machen, den ich schon längst loswerden wollte. Die Fahrerscheibe unseres Wagens war ja zerbrochen und sollte natürlich schnell ersetzt werden. Erfreulicherweise bekam ich gleich am Tag nach dem Vorfall einen Termin in unserer Autowerkstatt. So kurzfristig waren dort allerdings keine Leihwagen verfügbar. Also wurde eine nahe gelegene Autovermietung damit beauftragt mich von der Werkstatt abzuholen. Es kam ein junger Mensch in verknittertem weißem Hemd, Krawatte und einer leicht speckigen Anzugshose und dirigierte mich in einen riesigen Pickup-Truck, mit dem er mich zur Mietstation brachte. Unterwegs erzählte ich ihm die Einbruchsgeschichte, die er mit viel Interesse und Gelächter aufnahm. Zwischendurch fragte er beiläufig: “How do you like this truck?” Ich sagte etwas unverbindlich Freundliches von Hoch-oben-Sitzen und viel Platz, worauf er begeistert antwortete: “That’s great, because this is yours. It’s the only one we’ve left today!” That’s great, aber wie bringe ich Angela bei, dass sie mit diesem Monstrum heute zum Einkaufen fahren muss?

Die Mietstation war schmucklos bis zur Schwelle der Schäbigkeit. Auf einem kratzigen Industrieteppichboden waren einige Schreibtische ohne jeden Zusammenhang im Raum verteilt. Vorne eine Theke mit der Leuchtreklame der Mietwagenkette, deren grünliches Licht zur Schummrigkeit der gesamten Situation passte.


Während ich gelangweilt auf meinen Mietvertrag wartete, fiel mein Blick auf eine Tafel hinter der Theke, auf der mit blauem Filzstift folgendes Angebot aufgemalt war: “Socks & Sandals Saturday 2 % off”. Zur Illustration zwei haarige Beine in Strümpfen mit Sandalen. Ich rieb mir die Augen und sagte zu meinem Agenten: “Interesting marketing initiative. I think you will own this segment of the car rental market!” “Oh, yeah!”, antwortete der Mann mit dem verknitterten Hemd und deutete mit dem Kopf auf einen stiernackigen, nach vorne gebeugten Herrn im Halbdunkel am Ende des Raums, “our manager is very excited about this!”



Kansas City

In letzter Zeit war ich öfter geschäftlich unterwegs. Leider habe ich dabei selten Gelegenheit zu touristischen Aktivitäten. Trotzdem sammle ich oft Eindrücke auf dem Weg, die widerspiegeln, wo ich mich gerade aufhalte. Z. B. musste ich kürzlich nach Kansas City. Es war meine erste Reise in das amerikanische “heartland”, und ich sollte im Hauptsitz eines großen Unternehmens vor ca. 50 Führungskräften präsentieren. Der Campus der Firma war so groß, dass er eine eigene Postleitzahl hatte. Eine Umgebung, in der man viele Krawatten und gedämpfte Schritte auf schweren Teppichboeden erwartet. An einem späten Montagabend landete ich mit zwei Kollegen auf einem Flughafen, der aussah wie viele andere. Sodann machten wir uns auf den Weg zu einer Autovermietung, die aussah wie viele andere. Die Angestellte dieser Vermietung war allerdings auffallend freundlich. Sie betrachtete uns genau, bevor sie uns mit der Frage überraschte, welche Farbe wir denn bevorzugten: blau, rot oder silber. “Silber!”, sagte eine Kollegin prompt und ohne Widerspruch. Noch entzückt von diesem Service marschierten wir auf den Parkplatz, wo wir für ein paar Sekunden mit offenen Kiefern vor unserem Gefährt innehielten. Wir hatten einen silbernen “full size pick-up truck” bekommen, eines dieser Monster mit vier Türen, großer Ladefläche und einem Motor von der Größe eines Appartments. Als wir am nächsten Morgen mit dumpf grollendem Auspuff zur Präsentation fuhren, waren wir schon etwas beunruhigt, welchen Eindruck diese Karosse auf unsere Kunden machen würde. Aber die Sorge war unbegründet. Auf dem Parkplatz war jedes dritte oder vierte Auto ein Pick-up, viele von ihnen blau, rot oder silber. Als wir ausstiegen, nickte uns jemand freundlich zu.



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