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Körper-Radar

Jeder menschliche Körper ist von einem Radarsystem der Privatsphäre umgeben. Sobald in diesen Raum etwas Fremdes eindringt, schlägt er Alarm. Seien es Geräusche, Gerüche oder – Gott behüte! – Berührungen. Das ist vor allem überall dort gut zu beobachten, wo es eng ist, z.B. in einem Flugzeug. Besonders, wenn es so voll ist wie die Maschine, mit der ich gestern von Amsterdam nach New York geflogen bin. Aus diesem Grund bevorzuge ich immer Sitze auf der Gangseite.

Gestern saß ich in der 39. Reihe, der letzten in dieser etwas bejahrten Maschine. Der Radar meldete mir sofort, dass sich in Armlänge direkt hinter mir zwei Bordtoiletten befanden. Wenig später kamen die Bestätigungsgeräusche: das gierig krachende Schlucken der Spülung, die wohl eher eine Saugung ist. Das Entriegeln der Tür, zu früh für gewaschene Hände. Das Ritsch und Ratsch beim Öffnen und Schließen, gefolgt von einem Lungenzug, der keinen Zweifel über den Zweck dieses Besuches zuließ. Solche Eindrücke wecken den Arithmetiker in mir: 39 Reihen mit je 6 Sitzen. Die nächsten Toiletten in der Mitte und noch welche ganz vorne. Im Namen der Menschenrechte nahm ich an, dass es in der Mitte nicht nur zwei, sondern vier Toiletten gab. Selbst wenn es nur zwei gewesen sein sollten, war es immer noch vernünftig anzunehmen, dass sie doppelt so häufig benutzt wurden wie die ganz vorne und ganz hinten. Denn die Bedürfnisse der Passagiere würden sie von zwei Seiten zur Mitte treiben. So machte ich mir jedenfalls Mut zu der Annahme, dass die beiden Falttüren hinter mir von nicht mehr als einem Viertel der Passagiere geöffnet werden würden. Also 39 mal 6 geteilt durch 4. Okay, 40 mal 6 sind 240, minus 6 sind 234. Geteilt durch 4… Das ginge natürlich leichter mit 240, aber aufrunden wollte ich in diesem Fall nicht. Also 234 durch 4. Hmh, das sind (200+32+2):4… 58,5! Über 58 Lungenzüge!

Wenigstens Entwarnung neben mir. Die beiden Sitze waren leer. In der Reihe vor mir war auch noch einer frei. Das waren die letzten freien Sitze auf diesem Flug. Doch jetzt sah ich, warum sie noch nicht besetzt waren: weit vorne zwangen sich drei massige Gestalten durch den Gang nach hinten, wie Korken, die durch einen überlangen Flaschenhals mussten. Nun konnte ich sie auch hören. Überlaut. Irgendetwas aus dem Osten. Viel “sch” und viele Konsonanten. Es ist eigenartig, wie Fremde in einer Umgebung, von der sie meinen, niemand könne sie verstehen, oft einen von zwei Wegen gehen: Entweder sie unterhalten sich ungewöhnlich leise, um nicht aufzufallen, als seien sie Gäste auf einer Party, zu der sie nicht eingeladen wurden. Oder sie unterhalten sich überlaut, als mache das Unverständnis in ihrer Umgebung sie unhörbar. Die drei Korken gehörten zur letzteren Kategorie. Ihr Radar war einfach anders eingestellt. Leider galt das auch für ihre Bewegung im Raum. Reihe um Reihe strichen ihre Jacken über Haare und Haut, stießen ihre Umhängetaschen an Köpfe und Schultern. Zwei von ihnen waren älter und runder, einer jünger und größer, aber alle von geradezu kubistischen Gestalten. Die Köpfe quaderförmig, nach oben durch senkrechte Borsten logisch abgeschlossen. Direkt darunter, also ohne Hals, ein hoher, breiter Quader bei dem Jungen, niedrige, tiefe Zylinder bei den Alten. Es kam, wie es kommen musste. Die beiden Zylinder steuerten auf meine Reihe zu. Die Borsten des jungen Quaders erhoben sich bald über der Lehne vor mir, während die Zylinder sich mit viel Geschiebe, “sch”und Konsonanten am Gepäckfach zu schaffen machten. Soweit mein Sitz es zuließ, wich ich ihnen überdeutlich mit dem Oberkörper aus, wie ein Boxer beim Sparring. Menschen mit feinerem Radar hätten meine merkwürdigen Schwankungen längst zum Anlass genommen, sich zu entschuldigen und Vorsicht zumindest vorzutäuschen. Nicht so die Zylinder. Im Gegenteil. Einer überraschte mich nun damit, dass er seinen Fuß so gegen mein Bein erhob, als müsse er durch ein Gebüsch stapfen, das unten dicht ist, oben aber durchtreten werden kann. Sein staubiger Schuh streifte meine helle Lieblingshose. Mit sinnloser Ironie, die schon durch die Empörung in meiner Stimmer widerlegt wurde, schnaubte ich: “Are you trying to say that you want to move in here?” Aber der Schuhabstreifer sah mich erst gar nicht an. Dafür kommentierte der andere mit fast vorwurfsvollem Ton: “He does not speak English.” Ich klopfte mir etwas zu ausführlich die Hose ab und ließ die beiden widerwillig vorbei. Der Schuhabstreifer ging ans Fenster, der andere presste seinen Zylinder zwischen die Armlehnen des Mittelsitzes. Das ging wahrscheinlich überhaupt nur, weil der Zylinder schwitzte. Sein Hemd wurde auf den Armlehnen nach oben gestreift. Für seine Arme gab es an den Seiten keinen Platz mehr. Sie hätten ein Drittel der Nebensitze in Anspruch genommen. Stattdessen begann er Zeitung zu lesen, die Arme dabei so hoch und abgewinkelt, dass ich meinen Kopf nach hinten drücken musste, wenn ich seinen Ellenbogen nicht bis zum Zäpfchen im Rachen haben wollte. “Today’s flight time will be 7 hours and 35 minutes”, sagte die Stewardess mit der Abgeklärtheit des zweitausendsten Fluges. Ich schloss die Augen, während das Flugzeug in den Steigflug ging.

Plötzlich spürte ich einen kalten Tropfen auf dem Arm. Angewidert riss ich die Augen auf, aber der Quader starrte unbeweglich in die Zeitung. Kaum hatte ich die Augen wieder zu, traf mich der zweite Tropfen! Nun war ich zu allem bereit. Doch der Quader lächelte mich nur an und deutete halb wissend, halb belustigt nach oben. Tatsächlich! Die kalten Tropfen kamen aus einem Schlitz der Klimaanlage an der Decke.
Wasserränder bewiesen, dass dies nicht das erste Mal war. Der dritte Tropfen brachte mich auf die Idee: “Why don’t your friend and I swap seats?”, schlug ich vor, während der Borstenkopf neben mir dem Borstenkopf vor mir irgendetwas lauthals erklärte. “Yes, thank you, this is my son!” Die beiden anderen Passagiere vor mir begrüßten mich mit übertriebener Höflichkeit. Von hinten konnte ich bald das Schnarchen des Schuhabstreifers hören.



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