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Nischenmarketing

Ich muss noch einen Nachtrag zum Einbruch in unser Auto machen, den ich schon längst loswerden wollte. Die Fahrerscheibe unseres Wagens war ja zerbrochen und sollte natürlich schnell ersetzt werden. Erfreulicherweise bekam ich gleich am Tag nach dem Vorfall einen Termin in unserer Autowerkstatt. So kurzfristig waren dort allerdings keine Leihwagen verfügbar. Also wurde eine nahe gelegene Autovermietung damit beauftragt mich von der Werkstatt abzuholen. Es kam ein junger Mensch in verknittertem weißem Hemd, Krawatte und einer leicht speckigen Anzugshose und dirigierte mich in einen riesigen Pickup-Truck, mit dem er mich zur Mietstation brachte. Unterwegs erzählte ich ihm die Einbruchsgeschichte, die er mit viel Interesse und Gelächter aufnahm. Zwischendurch fragte er beiläufig: “How do you like this truck?” Ich sagte etwas unverbindlich Freundliches von Hoch-oben-Sitzen und viel Platz, worauf er begeistert antwortete: “That’s great, because this is yours. It’s the only one we’ve left today!” That’s great, aber wie bringe ich Angela bei, dass sie mit diesem Monstrum heute zum Einkaufen fahren muss?

Die Mietstation war schmucklos bis zur Schwelle der Schäbigkeit. Auf einem kratzigen Industrieteppichboden waren einige Schreibtische ohne jeden Zusammenhang im Raum verteilt. Vorne eine Theke mit der Leuchtreklame der Mietwagenkette, deren grünliches Licht zur Schummrigkeit der gesamten Situation passte.


Während ich gelangweilt auf meinen Mietvertrag wartete, fiel mein Blick auf eine Tafel hinter der Theke, auf der mit blauem Filzstift folgendes Angebot aufgemalt war: “Socks & Sandals Saturday 2 % off”. Zur Illustration zwei haarige Beine in Strümpfen mit Sandalen. Ich rieb mir die Augen und sagte zu meinem Agenten: “Interesting marketing initiative. I think you will own this segment of the car rental market!” “Oh, yeah!”, antwortete der Mann mit dem verknitterten Hemd und deutete mit dem Kopf auf einen stiernackigen, nach vorne gebeugten Herrn im Halbdunkel am Ende des Raums, “our manager is very excited about this!”



Tanzende Nikoläuse

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Straßentrommler

Auf der sechsten Avenue sitzt vor dem Eingang eines großen Bankgebäudes ein Trommler, der auf ein paar alten Töpfen, Farbeimern und Schreibtischschubladen ein Weihnachtskonzert gibt. Ein kleiner Junge schaut gebannt zu. Zwischendurch steigt ein New Yorker über eine der Schreibtischschubladen, um die Türe zum Bankautomaten zu öffnen.

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“Black FM”

Wenn ich zum John F. Kennedy-Flughafen muss, nehme ich öfter einen Shuttle-Service. Das ist ein Kleinbus, der meistens 5 bis 10 Fahrgäste aus der Gegend hier einsammelt und dann an den verschiedenen Terminals der Flughäfen La Guardia und JFK abliefert.

Die Fahrer dieser Busse sind immer ein Erlebnis, aber den letzten muss ich doch hervorheben. Es war ein ungeheuer großer Schwarzer mit Baseball-Kappe und der Statur eines Schwergewichtsboxers, der beim Einladen meines Koffers einen durchaus mürrischen Eindruck machte. Ich nahm in der letzten Reihe des Busses Platz. Vor mir saßen gleichmäßig verteilt 8 weiße Männer und eine alte schwarze Frau mit Hut direkt hinter dem Boxer. Wir fuhren los, und der Fahrer stellte das Radio an – sehr laut. Es handelte sich offenbar um einen Sender für ein schwarzes Publikum, “Back FM” oder so ähnlich. Ein Rap nach dem anderen trat in einen Wettstreit mit dem dröhnenden Diesel des Gefährts.

Nach ein paar Stücken und einer Werbepause kam ein Bericht zu einem neuen Theater in New York, das nur schwarze Autoren auf die Bühne bringen sollte. Der Boxer drehte noch weiter auf. Nun war in dem Bus an nichts mehr anderes zu denken. Verärgerte Blicke der Weißen nach vorne und hinten. Die alte Frau mit Hut saß dagegen völlig unbeweglich im Schatten des Boxers.

Aus einem Geschäftsmann vor mir brach es schließlich heraus. Er hatte vergeblich versucht zu telefonieren und brüllte nun in sein Handy, dass es in diesem Bus einfach unmöglich sei sich zu unterhalten. Nickende Köpfe von den Seiten. Aber keiner richtete sich direkt an den Boxer. Sollte ich es wagen? Sollte ich dem schwarzen Riesen ins Gesicht schleudern, dass er gefälligst seinen Emanzipationssender abdrehen sollte, damit die weißen Herren ruhig weiter hinter seinem Ruecken ihren Unterdrückungsgeschäften nachgehen konnten? Ich war immer noch mit dieser Frage beschäftigt, als ich aussteigen musste. Ein Trinkgeld hat der Boxer nicht bekommen, aber die alte Frau mit Hut hat gelächelt.



Good morning, have a nice day!

New York begrüßt mich jeden Morgen auf eine sehr besondere, wenn auch immer gleiche Weise. An der Grand Central Station steige ich immer vom Zug in eine U-Bahn der Linien 4, 5 oder 6 um. Dabei benutze ich inzwischen einen Weg abseits der Massen. Mein Kollege Steve Foley, der schon seit 28 Jahren zwischen Rye und Manhattan pendelt, hat mir neulich gezeigt, dass man sich nicht unbedingt die eine Treppe hinabzwängen muss, die von den meisten Pendlern benutzt wird, sondern auch den Weg nehmen kann, der im Allgemeinen nur als Ausgang von der U-Bahn dient. Dieser anti-zyklische Weg führt zu einem Abschnitt des U-Bahnsteigs, auf dem morgens einer der Bahnsteigwärter arbeitet, deren Aufgabe eigentlich nur darin besteht, die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen anzuleiten. “Move all the way into the car!”, “Step aside while others leave the train!”, “Watch your step!” und “Mind the gap!” sind die typischen Schlachtrufe dieser Türhüter des Untergrunds. Der Mann auf meinem Abschnitt zeichnet sich aber durch einige Besonderheiten aus, die zum Sinnbild dafür geworden sind, wie New York mich jeden Morgen begrüßt. Es handelt sich um einen sehr korpulenten, großen Schwarzen, der stets an derselben Säule lehnt, wenn ich die Treppe herunterkomme. Wie ein schwarzer Buddha steht er da, in einer blauen Uniform, auf der wie ein riesiger Latz eine reflektierende Weste in Orange und Gelb ruht. Er ist ein ungemein freundlicher Mensch. Während sich die Leute ungeduldig die Treppe hinaufschieben oder wie ich hinunterschlängeln, bemüht er sich, so viele wie möglich persönlich zu grüßen. “Good morning, have a nice day!” ruft er alle paar Sekunden im Wettstreit mit dem lauten Rattern und schrillen Quietschen der Bahnen, “Good morning, have a nice day!” und nickt dabei einzelnen freundlich zu. Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sein Gruß jeden Tag wohl mehr als tausendfach erklingen muss. Aber das alleine ist es nicht. Der kolossale Leib des Buddhas wäre eigentlich ein idealer Resonanzkörper für einen sonoren Bass. Doch die Natur hat in einer nahezu unverständlichen Laune nur eine kleine, hohe Fistelstimme in diesem großen Gebäude untergebracht, das ist vielleicht das NewYorkische daran. “Good morning, have a nice day!” fiept es immer wieder, die Höhe seines Rufs schneidet wie ein Messer durch den übrigen Lärm. “Good morning, have a nice day!” höre ich noch nach dem Schließen der Türen. Irgendwie bin ich mir sicher, dass der Buddha meint, was er ruft. Vielleicht ist es ja nur seine persönliche Mission, aber auf eine merkwürdige, zerbrechliche Art fühle ich mich doch jedesmal willkommen in dieser erstaunlichen Stadt.

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Smoke on the train!

Heute auf dem Weg mit dem Zug aus der Stadt. Wir waren immer noch unter der Erde unterwegs, als es plötzlich nach Feuer roch und kurz danach deutliche Rauchschwaden im Zug aufstiegen. Natürlich waren die Fahrgäste sofort beunruhigt, einige standen auch auf und liefen unruhig umher. Dann kam die erste Durchsage: “Folks, yeees, this smells like fire – and it is. There is something burning on the level below us. Keep cool, we’ll hurry out of the tunnel and get you some fresh air soon.” Und ein paar Sekunden danach: “This doesn’t mean that smoking is now allowed on this train.”



Jetzt amtlich: Ich lebe noch!

Mein Vorurteil, in Amerika sei alles viel unkomplizierter, wurde durch meine amerikanische Führerscheinerfahrung gründlich geprüft. Zum Ausgleich habe ich danach so manchen Amerikaner – in einer eigentlich unangemessenen Form von Nationalhaftung – mit Erzählungen über bizarre Details der hiesigen Bürokratie gequält. — Bis der Brief von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte kam. Darin wurde ich aufgefordert, amtlich bestätigen zu lassen, dass ich noch lebe und deutscher Staatsbürger bin! Nun könnte man ja verstehen, dass die Versicherungsanstalt wissen will, ob ein Rentenempfänger überhaupt noch lebt. Ich bin aber gar kein Rentenempfänger, auch wenn mir gelegentlich der Sinn danach steht, sondern ein Rentenzahler! Ich möchte sogar freiwillig in die deutsche Rentenversicherung einzahlen, während ich in Amerika lebe. Dazu muss ich allerdings besagten Lebensnachweis erbringen (siehe Anhang), erst dann bin ich “berechtigt Beiträge zu zahlen”. Seither erzähle ich den Amerikanern sozusagen als Wiedergutmachung diese Geschichte, und ihre Welt ist wieder in Ordnung.

Die Bestätigung, dass ich noch lebe, hat mir freundlicherweise das Deutsche Generalkonsulat ausgestellt. Das Konsulat ist zusammen mit dem Deutschen Informationszentrum und der Ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen seit 1998 im German House New York untergebracht. Kein schlechter Platz. Schräg gegenüber vom UNO Hauptquartier gelegen, erhebt sich ein schlankes Hochhaus mit 23 Stockwerken und einem standesgemäßen Eingang samt Bundesadler an der 1st Avenue. Es ist nur so, dass man für Lebenszertifikate und die meisten anderen Konsularangelegenheiten nicht den Haupteingang benutzen darf, sondern an einen weitaus weniger spektakulären Nebeneingang an der 49. Strasse verwiesen wird. Dort betritt man durch einen schmalen Gang einen relativ kleinen länglichen Raum, in dem rechts ein Empfangstisch und geradeaus ein Metalldetektor stehen. Es ist schon erstaunlich, dass so ein schmaler Gang für den Übertritt in eine andere Welt genügt. Gerade bin ich noch ich zu Fuss von der Grand Central Station hierher spaziert: vorbei am Chrysler Building durch den stets grandiosen Verkehr und das urbane Fußvolk, das mit der Nähe zur UNO noch an Internationalität zu gewinnen scheint. Dann gehe ich durch diesen schmalen Gang in der 49. Strasse und werde von einem Lied begrüßt, das in den Siebzigern in der ZDF-Hitparade gelaufen sein könnte, so von der Kategorie “Hossa, jetzt geht die Party los”. Die Musik kommt aus einem alten Transistorradio, das auf dem Schreibtisch steht. (Gibt es in New York einen Sender, der sowas ausstrahlt?!) Der Mann hinter dem Tisch ist untersetzt und hat einen Scheitel direkt über einem Ohr, von dem aus lange Strähnen bis zum anderen Ohr führen. “On se fors flohr”, sagt er ohne Weiteres auf meine Frage, wo Lebensbestätigungen ausgestellt würden. Der andere am Metalldetektor ist dagegen mager und hat dunkles Haar, das allerdings gefärbt sein könnte. Es glänzt von Fett oder Frisiercreme. Im vierten Stock ist nichts los, aber ich muss trotzdem 45 Minuten auf den Amtsrat warten, der mein Leben zertifiziert. Auf dem Formular der Bundesversicherungsanstalt steht, dass deutsche Auslandsvertretungen solche Bestätigungen kostenlos vornehmen. Der Amtsrat lächelt und verlangt trotzdem $ 20. Dafür bin ich jetzt wenigstens “berechtigt Beiträge zu zahlen”.



Wie man New Yorker wird

New Yorker wird man mit dem Führerschein, und das geht so:

Du brauchst ein Auto, denn wenn du schon einen anderen Führerschein hattest, musst du das zur Fahrprüfung mitbringen. Der Fahrprüfer setzt sich dann zu dir rein. Also du kaufst dir ein Auto. Du kannst dir aber kein Auto kaufen, wenn du keine Sozialversicherungsnummer hast. Eine Sozialversicherungsnummer kannst du frühestens am zehnten Tag nach deiner Ankunft beantragen. Wenn der Antrag gestellt ist, bekommst du ein Schreiben, in dem garantiert wird, dass du die Nummer spätestens nach zwölf Wochen erhälst. Also freust du dich, wenn sie nach zwei Wochen kommt. Dann gehst du ein Auto kaufen. Du kannst dir aber kein Auto kaufen, weil du als Ausländer keinen Kredit bekommst. Du hast nämlich keinen “credit record” in den USA, ist ja klar. Also brauchst du Referenzen, von deiner Heimatbank, deinem Chef, deiner Oma usw., dann geht das schon irgendwie, kostet halt dann ein bisschen mehr, aber schließlich kennt dich hier niemand. Anschließend kannst du dann gleich ein Auto kaufen gehen. Du findest es auch bald, denn es gibt wirklich viele Autos hier. Du kannst es nur noch nicht kaufen, weil du dazu natürlich eine Versicherung brauchst. Die Versicherung kriegst du allerdings nur, wenn du einen New Yorker Führerschein hast. Klar, die Versicherung will natürlich nicht das Risiko eingehen, dass du in Amerika gar nicht richtig Auto fahren kannst. Also ein Schritt nach dem anderen. Du beantragst den Führerschein. Ach ja, eigentlich solltest du ja mit deinem eigenen Auto zur Fahrprüfung kommen, und du hast noch keins, weil dir eben noch der Führerschein fehlt. Aber du kannst dir ja eins mieten. Musst du ja sowieso, weil man hier eh alles mit dem Auto macht. Wenn du ein bisschen suchst, kannst du auch interessante Mietwagenangebote finden, gerade so ab sechs Wochen Mietdauer gibt’s da alles Mögliche, man muss sich halt nur ein bisschen Zeit nehmen und rumschauen. Und du kannst dir schon vor der Prüfung jede Menge Fahrpraxis aneignen! Sowas wäre ja bei uns unmöglich! Du beantragst also den Führerschein, machst dann einen fünfstündigen Theoriekurs und dann die Fahrprüfung. Wenn du mit deinem Auto zur Fahrprüfung fährst, solltest du allerdings am besten jemanden mitnehmen, der schon einen gültigen New Yorker Führerschein hat. Denn wenn du durchfällst, darfst du natürlich nicht einfach wieder nach Hause fahren. Wär’ ja noch schöner! Deinen alten Führerschein ziehen sie ein und werfen ihn weg. Du brauchst ihn ja nicht mehr. Aber wenn du meinst, dass du ihn doch noch unbedingt mal brauchen solltest, dann heben sie ihn sogar für dich auf. Du musst halt dann nur zum Amt gehen und ihn abholen. Dafür nehmen sie dir dann den New Yorker Führerschein wieder ab, weil man ja nicht zwei gleichzeitig braucht. Du hast also den Führerschein, bekommst dann eine Versicherung, Kohle hast du auch schon, also gehst du direkt ein Auto kaufen. Und das Beste ist: du zahlst hier keine Steuer für dein Auto! Nur die Versicherung. Für die Versicherung musst du allerdings schon ein bisschen mehr ausgeben. Du bist hier ja noch nicht gefahren, nur ein paar Wochen mit dem Mietwagen, also hast du keinen “insurance record”. Mit deiner Heimatversicherung lässt sich das gar nicht vergleichen. Wenn du zwanzig Jahre lang was ganz anders gemacht hast, dann hilft dir das hier nicht weiter, es macht ja eigentlich alles nur noch gefährlicher. Du fängst also mit einem höheren Satz an. Und in New York passiert ja auch so viel. Marissa hat mir erzählt, dass kürzlich erst wieder jemand in das Haus ihrer Freundin gefahren ist. Das müssen die Versicherungen alles finanzieren. Dafür sind $ 150-160 pro Monat dann eigentlich gar nicht so viel. Du gehst also dann einfach ein Auto kaufen, und dann bist du New Yorker.



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