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Ein David-Lynch-Moment

Published by in Momente on April 24th, 2008

Die Filme des großartigen Regisseurs David Lynch sind unter anderem deshalb so beunruhigend, weil sie die Abgründe aufzeigen, die plötzlich im Alltäglichen aufklaffen können. In der Eröffnungsszene von Blue Velvet taucht die Kamera z. B. in eine amerikanische Vorstadtlandschaft ein, die geradezu unwirklich aufgeräumt und poliert zu sein scheint. Sie wandert über makellose Häuser, Blumen und Zäune, bis sie auf einem der makellosen Rasen ein abgeschnittenes menschliches Ohr findet.

Wir wohnen in so einer Vorstadt. Und heute war ein sonniger Frühlingstag, der das richtig zur Geltung brachte. Überall üppig blühende Bäume auf Wiesen, die nach der Frühjahrsreinigung der Landschaftsgärtner so aussehen, als würden sie mit der Genauigkeit einer Nagelschere gepflegt. Angela, Carla und ich verließen gerade bei bester Stimmung eine Filiale der Großhandelskette Costco, als ich sah, dass unser Auto auf dem Parkplatz merkwürdig schwankte. Ein massiger Typ versuchte mitten auf dem belebten Parkplatz im strahlenden Mittagslicht in die Fahrertüre einzubrechen! Mit der Idiotie, die wir gelegentlich angesichts des Unglaublichen zeigen, rief ich ihm zu: “What are you doing?” Er antwortete ebenso idiotisch: “Nothing happened!” und entfernte sich zügig, aber unaufgeregt, von unserem Fahrzeug.

Nun konnte ich die Risse in der Fensterscheibe sehen. Das musste einen Testosteronstoß ausgelöst haben, denn ich fing plötzlich an, den Einbrecher zu verfolgen. Er setzte sich daraufhin auch in Trab, allerdings nicht sehr schnell. Es handelte sich um einen eher schwerfälligen Mann von vielleicht Anfang Fünfzig. Nach einem halben Block hatte ich ihn eingeholt. Worauf er unter seinem riesigen T-Shirt zum Gürtel fasste und ankündigte: “I’ll pull a gun on you!” Übersetzt heißt das ungefähr: “Was glaubst du eigentlich, was du hier machst, Blödmann?” Eine gute Frage. Während ich über die Antwort nachdachte, kletterte der Einbrecher über einen Zaun und verschwand hinter einem schäbigen Appartment-Haus aus braunen Ziegeln.

“Why don’t you call the cops?”, schlug nun ein Latino vor, dessen verschwitztes Gesicht langsam in einem alten Van vorüberrollte. Auch ein guter Punkt, aber natürlich hatte ich gerade in diesem Moment kein Mobiltelefon bei mir. Also schnell zurück zu Angela und Carla! Während ich zurückrannte, konnte ich schon Sirenen hören und mehrere Polizeiwagen sehen, einer davon fuhr direkt hinter mir her. Als ich ankam, hörte ich aus einem der Polizeiautos eine Durchsage des Polizeifunks: “White male, green shirt, glasses with black frame, running across Costco parking lot.” Ha, sie verfolgten den Falschen, der Täter war nämlich ein Schwarzer! Hinter mir öffneten sich Autotüren. “Oh, no, officer, it wasn’t me, I’m the OWNER of the damaged vehicle!” Unter der wachsenden Gruppe von Polizeibeamten befand sich nun auch ein Detective, der meinte, vielleicht habe Costco Überwachungskameras, auf denen der Vorfall aufgezeichnet wurde. Ansonsten sei es das gewesen. Officer Ceccarelli würde einen Bericht verfassen, den wir in drei Tagen auf der Wache abholen könnten. “Have a good day!”



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