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Ursulas Gefriertruhe

Heute gab es Würstchen aus Ursulas Gefriertruhe. Ursula hatte diese Würstchen nicht für uns gekauft, aber ich glaube, sie war froh, dass wir sie gegessen haben. Ihre Gefriertruhe bekam seit ein paar Tagen keinen Strom mehr, so dass sie deren Inhalt freundlicherweise an Bekannte und Freunde verschenkt hat.

Stromausfälle sind in den Vorstädten von New York keine Seltenheit. Es ist ein bisschen so wie in Italien. Bei heftigen Gewittern kann schon mal kurz das Licht flackern oder für ein paar Sekunden ausfallen. Spektakuläre Zusammenbrüche wie im Sommer 2003, als ganz Manhattan lahmgelegt war, bleiben zwar nach wie vor die Ausnahme, aber Stürme mit heftigen Winden wie letzte Woche zeigen gerade in Westchester erhebliche Wirkung. Eigentlich ist das gar nicht so überraschend.
Zum einen befindet sich der größte Teil der Stromversorgung über der Erde: dicke Kabel hangeln sich schwerfällig von Masten zu Masten. Zum anderen ist es ein sehr baumreicher Landstrich (siehe Foto einer Kreuzung bei uns in der Nachbarschaft, Betsy Brown/North Ridge Street). Bei Winden von etwa 90 km/h fallen Bäume um und ziehen Leitungen mit nach unten. Ich kann mich noch erinnern, dass im vergangenen Oktober unserer Stromrechnung ein Blättchen mit dem freundlichen Hinweis beigelegt war, dass wir uns doch für Herbst und Winter vorsichtshalber ein Sturmpaket bereithalten sollten: so mit Taschenlampe, Mobiltelefon, Brennholz für den Kamin, warmen Sachen zum Anziehen usw. Ich dachte mir damals, das sei nur wieder eine der Übertreibungen der Amis, die oft schon drei Schneeflocken zum Anlass nehmen, die Schule ausfallen zu lassen. Letzten Sonntagmorgen saßen wir dann in warmen Sachen mit Mobiltelefon und Taschenlampe vor dem offenen Kaminfeuer, nachdem in der Nacht bei einem Sturm mit eiskalten Böen der Strom ausgefallen war. Am Telefon unseres Stromversorgers meldete sich eine automatische Ansage, die verkündete, dass in Teilen Brooklyns und Westchesters der Strom ausgefallen sei und man sich bemühe, den Fehler schnell zu beheben. “We apologize for any inconvenience this might cause.” Erstaunlich, wie schnell so ein Haus abkühlt. Und vor dem Kaminfeuer verschmort es dir die Augenbrauen, während der Rücken steif vor Kälte bleibt. Es war wohl auch das erste Mal, dass ich die Hörnchen für das Frühstück im offenen Feuer aufgetaut habe.

Natürlich tun die Stromversorger, was sie können. Myriaden von Lastwagen mit Hebebühnen schwärmen bei solchen Gelegenheiten aus. Die Jungs hängen sich richtig rein, auch wenn ich sagen muss, dass ich ihre Lösungen nicht immer überzeugend finde (Foto von der King Street in Port Chester, unserem Nachbarort). Jedenfalls war bei uns der Strom nach zehn Stunden wieder da, so dass wir heute aus Ursulas Gefriertruhe essen können, während unsere noch gefüllt ist.

Der eiskalte Wind liess schnell nach und wurde warm, bevor er drei Tage später wieder zum Sturm anschwoll. Ich war gerade geschäftlich in Boston, als Angela mich frühmorgens anrief, nachdem sie ein komisches lautes Geräusch im Vorgarten gehört hatte. Es war der letzte Seufzer eines ca. 25 m hohen Baumriesen gewesen, der knapp neben unserem Haus umgefallen war. Dabei war er entwurzelt worden und hatte noch zwei weitere mittelgroße Bäume mit sich gerissen. Wenige Stunden später kam eine Mannschaft vom Highway Department, da die Bäume zum Teil die Straße versperrten. Sie zerlegten sie in große Stücke, warfen alles in unseren Vorgarten und verschwanden wieder. Nun stellte sich natürlich die Frage, wer sie wegräumen würde.

Die Bäume hatten direkt an der Einfahrt unseres Nachbarn Ken gestanden. Wir wussten nicht, zu wessen Grundstück sie gehörten. Unsere Vermieterin Jane wusste das auch nicht. Sie ist eine Klavierlehrerin Ende Sechzig, in deren Wertesystem Grundstückspläne, wenn überhaupt, nur sehr am Rande vorkommen. Jane schlug vor, wir sollten doch den Nachbarn fragen. Wir lehnten das freundlich ab, doch der Nachbar kam ganz alleine auf uns zu. Ken hatte in seinem Garten acht Bäume verloren und war gar nicht in der Stimmung, sich auch noch um diese hier zu kümmern. Er war der Meinung, sie hätten nicht auf seinem Grundstueck gestanden, und selbst wenn dem so gewesen wäre, müsse sich derjenige um die Bäume kümmern, auf dessen Grundstück sie gefallen waren. Zur Bekräftigung endete Ken seine Ausführungen mit dem Satz “That’s the way how it works.”
Zweifellos eine interessante Perspektive. Inzwischen hatte sich Jane mit einem “tree guy” in Verbindung gesetzt, der sich die Sache ansehen sollte. Aber noch bevor ein Termin ausgemacht werden konnte, kam die Mannschaft vom Highway Department zurück und räumte ohne Weiteres alle Bäume weg.

Morgen gibt’s Fisch. Aus Ursulas Gefriertruhe.



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