Home » Posts tagged "U-Bahn"

Posts Tagged ‘U-Bahn’:


Good morning, have a nice day!

New York begrüßt mich jeden Morgen auf eine sehr besondere, wenn auch immer gleiche Weise. An der Grand Central Station steige ich immer vom Zug in eine U-Bahn der Linien 4, 5 oder 6 um. Dabei benutze ich inzwischen einen Weg abseits der Massen. Mein Kollege Steve Foley, der schon seit 28 Jahren zwischen Rye und Manhattan pendelt, hat mir neulich gezeigt, dass man sich nicht unbedingt die eine Treppe hinabzwängen muss, die von den meisten Pendlern benutzt wird, sondern auch den Weg nehmen kann, der im Allgemeinen nur als Ausgang von der U-Bahn dient. Dieser anti-zyklische Weg führt zu einem Abschnitt des U-Bahnsteigs, auf dem morgens einer der Bahnsteigwärter arbeitet, deren Aufgabe eigentlich nur darin besteht, die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen anzuleiten. “Move all the way into the car!”, “Step aside while others leave the train!”, “Watch your step!” und “Mind the gap!” sind die typischen Schlachtrufe dieser Türhüter des Untergrunds. Der Mann auf meinem Abschnitt zeichnet sich aber durch einige Besonderheiten aus, die zum Sinnbild dafür geworden sind, wie New York mich jeden Morgen begrüßt. Es handelt sich um einen sehr korpulenten, großen Schwarzen, der stets an derselben Säule lehnt, wenn ich die Treppe herunterkomme. Wie ein schwarzer Buddha steht er da, in einer blauen Uniform, auf der wie ein riesiger Latz eine reflektierende Weste in Orange und Gelb ruht. Er ist ein ungemein freundlicher Mensch. Während sich die Leute ungeduldig die Treppe hinaufschieben oder wie ich hinunterschlängeln, bemüht er sich, so viele wie möglich persönlich zu grüßen. “Good morning, have a nice day!” ruft er alle paar Sekunden im Wettstreit mit dem lauten Rattern und schrillen Quietschen der Bahnen, “Good morning, have a nice day!” und nickt dabei einzelnen freundlich zu. Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sein Gruß jeden Tag wohl mehr als tausendfach erklingen muss. Aber das alleine ist es nicht. Der kolossale Leib des Buddhas wäre eigentlich ein idealer Resonanzkörper für einen sonoren Bass. Doch die Natur hat in einer nahezu unverständlichen Laune nur eine kleine, hohe Fistelstimme in diesem großen Gebäude untergebracht, das ist vielleicht das NewYorkische daran. “Good morning, have a nice day!” fiept es immer wieder, die Höhe seines Rufs schneidet wie ein Messer durch den übrigen Lärm. “Good morning, have a nice day!” höre ich noch nach dem Schließen der Türen. Irgendwie bin ich mir sicher, dass der Buddha meint, was er ruft. Vielleicht ist es ja nur seine persönliche Mission, aber auf eine merkwürdige, zerbrechliche Art fühle ich mich doch jedesmal willkommen in dieser erstaunlichen Stadt.

Tags: ,


© Die kleinen Dinge